Essay in oya 33, Juli/August 2015

Vergiss es!?

Weltbühne II - Detail - 2015

Weltbühne II - Detail - 2015 © Isabelle Krötsch (click on the above detail to view the full image)


Die Schnellen haben die Nase vorn. Eine Innovation jagt und überrundet die andere. Neues nimmt den Platz von Altem ein. Doch dann passiert plötzlich eine technische Panne. Aber: Die Ursache entpuppt sich als historisch. Das Wissen von damals ist gefragt. Wo sind sie, die Hüter des alten Know-How? Die Suche beginnt. Das ist im Kern der Plot des Hollywoodfilms "Space Cowboys". Eine High-Tech-Krise im Weltraum. Damit hat man nicht gerechnet. Panik und Ratlosigkeit. Die Techniker von damals sind längst im Ruhestand. Und die neue Garde hat keine Ahnung. Also müssen die Senioren ran. Die Astronauten von gestern. Die alten Eisen der Raumfahrt. Die Space Cowboys: Clint Eastwood, Tommy Lee Jones, Donald Sutherland, James Garner.

Wir brauchen für dieses Phänomen nicht ins All zu reisen. Im Ruhrgebiet erzählt man sich eine Anekdote aus der Stahlproduktion: Nach dem letzten Entschlacken der Hochöfen – Anfang dieses Jahrtausends! – ging das Wiederanfahren derselben nicht reibungslos von statten. Einmal im Jahrzehnt fällt diese Wartung an, und beim letzten Mal hatten die Verantwortlichen der Firma übersehen, dass die gegenwärtigen Experten beim nächsten fälligen Termin in Rente sein würden. Jetzt fehlte das Wissen für einen Vorgang, der große Erfahrung verlangt. Die Lösung ähnelte dem Film-Script: Man holte die pensionierten Senioren, manche aus dem Altersheim.

Der Astrophysiker und Gesellschaftskritiker Peter Kafka (1933 – 2000) schuf dafür den Begriff der "globalen Beschleunigungskrise". Die Arbeiten Peter Kafkas lesen sich fünfzehn Jahre nach seinem Tod besonders dringlich, da sich die Lage seitdem ständig weiter zuspitzt, technische Geräte nicht mehr repariert, sondern durch neue Modelle ersetzt werden. Parallel dazu sprechen unsere Politiker unbeirrt von einer sich erholenden oder sich stabilisierenden Ökonomie, sobald die Wachstumskurve nach oben führt.

Bei einer Stagnation wird sofort nachgeholfen; dann erlassen die Verfechter der alten Volkswirtschaft ein "Wachstumsbeschleunigungsgesetz", kaum dass die Finanzkrise glimpflich überstanden ist. "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" – eine derart verzweifelte Wortschöpfung signalisiert bereits, dass sich hier etwas Altes noch einmal aufbäumt, bevor es – hoffentlich unter Buhrufen – die Bühne verlassen muss.

Was wir heute Wachstum nennen, daran erinnerte uns Kafka bei jeder Gelegenheit, besteht überwiegend aus zerstörerischen Tätigkeiten, Tätigkeiten gegen das Gleichgewicht der Natur. Wir nehmen uns, was wir zur Aufrechterhaltung unseres Lebensstils brauchen und zerstören dabei, was wir zum Leben brauchen. Die Frage, die sich jeden Tag stellt: Sind wir noch zu bremsen?



Das Wesen der Krise liegt darin, dass das Große und das Schnelle im Evolutionsprozess einen Selektionsvorteil haben und dass deshalb die Innovationsgeschwindigkeit und die globale Vereinheitlichung so lange zunehmen, bis das Neue nicht mehr in genügend vielen unabhängigen Versuchen und nicht mehr hinreichend lange ausprobiert werden kann. Deshalb passen die verschiedenen Teile der Wirklichkeit immer weniger zusammen. Wie ich es schlagwortartig zusammenzufassen pflege: Die logischen Voraussetzungen erfolgreicher evolutionärer Wertschöpfung sind verletzt, seit "Vielfalt und Gemächlichkeit" durch "Einfalt und Raserei" ersetzt wurden. Abbau und schließlich Zusammenbruch der komplexen Ordnung von Biosphäre und Gesellschaft setzen ein.

Die irdische Schöpfungsgeschichte konnte erst mit dem Menschen in diese Krise geraten. Ich habe sie die "globale Beschleunigungskrise" genannt. Die Untergangssymptome in Biosphäre und Gesellschaft zeigen uns: Unsere Zeit ist die singuläre Stelle in der irdischen Geschichte, an der die kritischen Grenzen des "Großen und Schnellen" erreicht werden. Dies mußte irgendwann geschehen – und wir sind es, die es trifft. Aber Krise heißt nicht Untergang, sondern Entscheidung. Die Systemlogik zeigt: Die innere Zeitskala der globalen Instabilität ist ein Menschenalter. Wir und unsere Kinder werden also die Entscheidung treffen.

-- Peter Kafka, "Gegen den Untergang"


Wachstum: Heilsgarantie für die einen, Schimpfwort für die anderen. Podiumsdiskussionen zeigen in letzter Zeit, wie bekennende Anhänger des Kapitalismus ins Straucheln geraten, wenn die Krise des gewohnten Systems angesprochen wird. "Runter mit dem Tempo" und "runter mit dem Wachstum" empfiehlt der amerikanische Ökonom Herman Daly, Träger des Alternativen Nobelpreises und ehemaliger Mitarbeiter der Weltbank. Daly faselt auch nicht vom nachhaltigen Wachstum, sondern sorgt für einen präzisen Begriff: Steady-State-Economy, übersetzt: Gleichgewichtswirtschaft.

Die Steuermänner des ungezügelten Profits sehen ihre Felle davon schwimmen und suchen nach neuen Definitionen, beschwören auf einmal die Vision eines nachhaltigen Wachstums. Peter Kafka würde schmunzeln. Wissen sie denn, was sie da sagen? Nachhaltiges Wachstum – welcher Wohlklang. Wahrscheinlich träumen sie in den Chefetagen, so der Philosoph Peter Sloterdijk, von einem immerwährenden Feuerwerk, das auf Ewigkeit gestellt ist. Die Träumer haben auch einen Titel: Chief Sustainability Officer. Sloterdijk zieht es vor, wahrscheinlich um das Perverse des Ganzen zum Klingen zu bringen, den Titel ins Deutsche zu übertragen. Dann wird daraus der Nachhaltigkeitsoffizier. Dieser ganze Zauber funktioniert nur im Vergessen des Wesentlichen.

Nachhaltig würde bedeuten, es der Natur gleich zu tun. Bei ihr sehen wir ein ständiges Wachsen und Vergehen, ein zyklischer Rhythmus, verteilt auf zahllose, vielfältige Lebensformen, ein Rhythmus, der, auf die Wirtschaft übertragen, eine andere Gesellschaft verlangt. Eine Gesellschaft, die nicht vergisst, eine Gesellschaft, die Vielfalt als Reichtum und Monokultur als Armut erkennt. Gegenwärtig ist die Monokultur das Logo der Profitgesellschaft.

Peter Kafka war ein Warner. Und Warner werden in einer Gesellschaft, wie sich in der Täuschung übt, erst ernst genommen, wenn eingetreten ist, wovor sie uns bewahren wollten. Sind Erben seines Denkens in Sicht? Hat jemand zugehört? Ja, da gibt es den Soziologen Hartmut Rose in Jena; der spricht vom "schrankenlosen Steigerungsspiel". Wir wissen heute beim Kauf eines Computers, dass das Nachfolgemodell in Kürze seine Rechenleistung erhöht haben wird – ebenso den Energiebedarf. Das neue Gerät wird ersetzt werden, ohne dass Mängel aufgetreten sind. Angesichts dieser vorzeitigen Ausmusterung spricht Rose von einem "moralischen Verfall der Güter". Wir verlassen uns drauf, dass aller Nachschub verfügbar ist. Das fehlende Wissen über die Herkunft der Ressourcen erleichtert uns den Umgang, da wir keine Verantwortung fühlen. Rose befürchtet mit Recht, dass "hochbeschleunigte Gesellschaften in einen Zustand dumpfer Schicksalshaftigkeit zurückfallen."

Neben dem Ausmustern gibt es das Ablegen: ins Archiv namens Cloud. Unsere sogenannte Wissensgesellschaft (wer taufte sie eigentlich so?) ist bei weitem keine Gesellschaft, die ihr Wissen mit sich trägt, sondern eine Gesellschaft, die ihr Wissen deponiert. „Deponie-Kultur“ nennt es der Münchner Journalist und Philosoph Thomas Palzer. Das Wissen ist in der Cloud abgelegt, es belastet uns nicht mehr. Das Wissen übersteigt uns, und mal ehrlich: Abgekoppelt von Erfahrung, wäre es da nicht eh wertlos? Also ist es in der Cloud gut aufgehoben! Wir gehen befreit durch die schmale Wirklichkeit, die wir erkennen, beschwingt, weil nicht belastet. Befreit von alter Wissenslast und offen für Neues im Steigerungsspiel. Neues nimmt den Platz von Altem ein. Aber da stimmt doch etwas nicht: Woher kommt denn der Strom für das "schrankenlose Steigerungsspiel"? Er kommt, wenn auch nur zu einem kleinen Teil, noch immer von alten Atomreaktoren. Und Atomreaktoren kann man ja keinesfalls bescheinigen, dass sie die Teststrecke der Bewährung gemeistert hätten. Im Juli 2015 ergibt sich für die Noch-Atom-Staaten dieses Altersbild: Holland 42 Jahre, Schweiz 40, Schweden 36, USA 36, Belgien 35, Taiwan 34, Großbritannien 32, Russland 32, Spanien 31, Frankreich 30, Deutschland 30, Japan 23. Warum wird diese Diskrepanz von den Medien nicht aufgegriffen? Wer greift sie überhaupt auf? Ist da jemand? Zwei Gestalten, beide mit dichtem langen Haar, kommen einem bei der Suche entgegen: Mycle Schneider (56) und Michael Sailer (62), beide kopfschüttelnd, weil kaum Gehör findend.

Michael Sailer, Diplomingenieur für technische Chemie, ist Mitarbeiter des Öko-Instituts Darmstadt und seit 2002 der Vorsitzende der Reaktor-Sicherheitskommission in Berlin; Mycle Schneider, Träger des Alternativen Nobelpreises, lebt als Berater für Energiepolitik in Paris und gibt jährlich den World Nuclear Industy Status Report mit heraus.

Schneider: "Wer fährt heute ein 30 Jahre altes Auto, wer arbeitet noch an einem 30 Jahre alten Computer?" Sailer: "Wo bleiben die Studenten, die als Ingenieure, Physiker, Juristen sich künftig um die alten Reaktoren kümmern?" Schneider: "Areva und Electricite de France sind pleite. Wie kommt es, dass wir ihnen den Betrieb der Atomkraftwerke anvertrauen?" Sailer: "Wo bleibt das Gedächtnis der Unternehmen?" Ihre Fragen verhallen, unbeantwortet. Die Einsamkeit der Erkennenden, die verkannt werden.

Das Szenario ist bizarr: Während sich Philosophen, Archäologen, Künstler, Anthropologen, Historiker, Zukunftsforscher in interdisziplinären Arbeitsgruppen Gedanken machen, in welchen Sprachen und mit welchen Zeichen wir künftigen, Jahrtausende entfernten Gesellschaften die Gefahren von radioaktivem Strahlenmüll vermitteln, scheitern die Menschen von heute (wie wollen wir sie bezeichnen?) an der Gegenwart. Wir wissen nicht, was genau in den Salzbergwerk-Schächten ASSE 2 lagert und wir wissen oft nicht einmal, wo die Sicherheitspläne der Kernkraftwerke liegen. Das Gedächtnis der Unternehmen, wie es Michael Sailer formuliert. Wenn es fehlt, zieht Gefahr auf.

Was wird mit E:on geschehen? Deutschlands größtes Energieunternehmen meint, die Zeichen der Zeit zu erkennen und hat sich gespalten in zwei mittelgroße Gesellschaften: eine für Ökostrom und Netze, die andere, kleinere, für Kraftwerke und Energiehandel. Und sofort stellt sich die Sailer'sche Frage: Wo ist das Gedächtnis des alten Unternehmens?

"Das Wissen weiß nichts über seine Haltbarkeit!", sagt der Münchner Journalist und Philosoph Thomas Palzer. Wenn die ausrangierte Überlieferung archiviert wird oder, falls dinglich, im Museum landet, dann bedeutet das noch lang keine Wertschätzung. "Deponie-Kultur", nennt es Palzer. Neues – attraktiv und zwangsläufig unerprobt – und verdrängt das Bewährte. Diese Entwertung des Überlieferten geschieht ohne Aufsehen, ohne Aufschreie, einfach so.

Erfahrung darf nicht fehlen und Fehler müssen erfahren worden sein. Wissen ist zwar im Gehirn angesiedelt, doch es entfaltet erst seinen Wert im körperlichen Zusammenspiel, also: Stimmbänder bringen es zum Klingen, Hände zum Entstehen. Ich betrachte auf YouTube die letzten ihrer Zunft. Der bayerische Dokumentarfilmer Benedikt Kuby hat sie vor Jahren im Bild fest gehalten, solange sie noch unter uns waren. Ich bleibe beim Rechenmacher hängen, der auch hölzerne Heugabeln fertigt, folge fasziniert seinen geübten Bewegungen. Ich hätte auch den Wagner betrachten können, den Besenbinder, den Radmacher, den Fassbinder, den Seiler, den Mühlradbauer, den Graveur, den Peitschenmacher, den Strohdachdecker, den Notenstecher, den Ofenbauer, die Marionettenmacherin, die.... Ich bleib beim Rechenmacher. Ein Rechen vom Rechenmacher ist schier unbezahlbar. Ein Handy ist billiger.

Machen wir uns nicht mitschuldig, wenn wir derartige perverse Ungleichgewichte akzeptieren? Wir haben vergessen, welche Geschichte sich hinter den Gebrauchsgegenständen unserer Kultur verbergen. Die Handfertigkeit und persönliche Erfahrung, die in den Holzrechen eingehen sind wir nicht mehr bereit, zu bezahlen. Ein Handy ist billiger. Wir kennen die Geschichte des Mobiltelefons nicht. Müssten wir uns mit den Menschenrechtsverletzungen an indigenen Völkern bei der Gewinnung der seltenen Erden auseinandersetzen, gar für sie verantwortlich fühlen, wir würden nicht so leichtfertig nach dem kleinen, smarten Ding greifen.

Das indigene Wissen wird uns von Ethnologen gern vorgehalten. Denn all das, was das utilitär-industrielle Zeitalter uns genommen hat, ist in Stammesgesellschaften wenigstens in Spuren noch erhalten. Dort wird Wissen weiter gegeben, wie es sich für eine Erbschaft gehört, die bereits seit Generationen weiter gegeben wurde. Oral, und mit Hand und Fuß. In unserer Sprache tragen wir noch ein Relikt weiter, das uns an Zeiten erinnert, in denen Wissen und Tun in einem gesunden Gleichklang verbunden waren: etwas hat Hand und Fuß.