Schelme mit Schellen und Schärfe

Hans Well: der Veränderer

Hans Well, Der Veränderer

Hans Well Foto © Claus Biegert


Es war ein Bild für Götter: Unter blauem Maihimmel, auf einer Bühne aus Strohballen die drei Brüder Hans, Michael und Christoph Well, jene berüchtigten Schelme der bayerischen Volksmusikszene, die sich "Biermösl Blosn" nennen. In B-Dur bliesen sie Günther Beckstein und Edwin Huber den Marsch, und darauf reimte sich Arsch, und die Melodie war die Bayernhymne. Es ging hoch her, Gerhard Polt dirigierte, gut dreihundert Bläser taten ihr Übriges, und obwohl es die A 94 war, deren Ausbau durchs Isental die fast 3000 Menschen in ihrem Protest hier vereinte, war es gleichzeitig ein einziges großes, sonnenbeschienenes Fest am Schwammerl, wie die Einheimischen den Hangplatz bei Dorfen nennen.

Verdrossen dürfe man nie in den Widerstand gehen, betont Hans Well, und Resignieren schade nur der Gesundheit. Im Bairischen gibt es dafür eine Kurzformel: "A Gaudi muass sei." Das ist die Waffe, die die anderen, die da oben nicht haben, auch wenn sie Ministerpräsident sind oder CSU-Vorsitzender. Der Well Hansi, wie sie ihn rufen, beherrscht das Feuern mit der Feder. Seine Verse haben die Musik der "Biermösl Blosn" nicht nur zu Publikumserfolgen, sondern schon früh zu einem Politikum werden lassen. Das Baywa-Lied führte 1979 zu einem Boykott im Bayerischen Rundfunk – "wegen Verunglimpfung der Hymne des Freistaats" –, ein Deutschbuch für den Unterricht, das den Text "Gott mit Dir, du Land der Baywa" abgedruckt hatte, musste auf Geheiß des Bayerischen Kultusministeriums eingestampft werden. Der damalige Landrat von Fürstenfeldbruck bestellte Well zu sich, wollte sich das Lied vorsingen lassen, von dessen skandalösem Inhalt man ihm zugetragen hatte. Well ging nicht hin, schickte ihm aber handschriftlich den Text.

Das Baywa-Lied ist eine Chemie-Parabel, ein Spiegel der industriellen Landwirtschaft, in seinen Strophen steckt der ganze Unmut, der sich in Hans und seinen Brüdern über die Jahre angestaut hatte, Unmut angesichts des "Wachsen oder Weichen" für Bauern, die zu Kunstdünger-Konsumenten degradiert worden waren. "Die Maisfelder nahmen zu, die Feldblumen nahmen ab. Nicht weit weg von uns steht auf einem Feld ein von der Landwirtschaftsbehörde aufgestellter Grabstein als Denkmal für die Flurbereinigung", seine Kritik kommt tief aus dem Inneren und hat ihre Kraft von damals nicht eingebüßt, er formuliert präzise und es wird deutlich, dass Verwurzelung zum Aufstand führen muss, wenn Menschen ihre Heimat bedroht sehen. "Das Schlimme ist ja", fügt er an, "dass so viele die Zerstörung gar nicht wahrnehmen, weil sie keinen Bezug dazu haben. Hinter Feuchtwiesen und Täler steht halt keine finanzkräftige Lobby."

Ohne Schuhe läuft er flink durchs Haus – "schtrumpfsockad" – , er liebt den Dialekt und wenn man ihn reden hört, melodiös und warm, dann kann man sich gar nicht vorstellen, dass es diese Sprache auch "gschert" gibt, also grob, und wenn man ihn mit seinen Brüdern oder seinen Kindern musizieren hört, kann man sich nicht vorstellen, dass im Deutschen Fernsehen noch immer "Musikantenstadl" stehen, in denen der weiß-blaue Country-Kitsch wogt und bisweilen – so Hans Well, "mit unseren Sendegebühren bis Südafrika oder die Innere Mongolei schwappt." Er hat dazu bei Aldous Huxley in "Schöne neue Welt" ein Zitat gefunden und es gleich ins Internet gestellt: "Wenn sich eine Kultur in Trivialitäten zerstreut, wenn öffentliches Reden (Singen) zu einer Art Baby-Gestammel verkommt, kurzum, wenn sich ein Volk in ein Publikum von Zuschauern verwandelt... dann ist ein solches Land aufs höchste gefährdet und das Absterben seiner Kultur zeichnet sich ab."

Unser Gespräch kreist weiter um die Heimat. Er erinnert da an den anderen singenden Hans, den Söllner aus Reichenhall, der in seinen Liedern auch versucht, das Wertesystem unseres entfremdeten Lebens auf den Prüfstein zu legen. Well hebt den Finger: "Der Erwin Huber liebt ja angeblich auch seine Heimat, meint damit aber eher die ausgebaute Donau. Unser Regierung ist gleich dabei, wenn's ums Zubetonieren geht, für an Flughafen kriegst heut eher eine Genehmigung als für ein Häusl. "Apropos Häusl: Er hat nördlich des Ammersees ein Bauernhaus von 1604, das sie im Dorf abreißen wollten und das unter Denkmalschutz steht, erworben ; ein Haus daneben, 1906 erbaut, kam dazu, die Wells haben es vom Eternit befreit, mit Expertenhilfe energiesparend saniert, dabei die architektonischen Eigenheiten aus dem Jugendstil wieder zur Geltung gebracht, schließlich kamen noch Sonnenkollektoren auf das Dach, Leistung 8,5 Kilowatt. Insgesamt haben er und seine Frau Sabeeka in 340 Kilowatt investiert, Solar- und Windenergie, verteilt im Landkreis.

Über Musik reden heißt bei Hans Well auch über Politik reden, über Alltag, Kultur, Energie, und schnell ist man wieder beim Sich-gegen-die-Verhältnisse-wehren. Die Chronik der Biermösl Blosn liest sich wie eine Chronik der Anti-Atombewegung in Bayern. In Wackersdorf, beim Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage in den Siebzigern, haben sie die "Toten Hosen" aus Düsseldorf kennen gelernt, bis heute verbindet sie eine enge Freundschaft. "Wir haben ein Glück, das wir uns den Ärger von der Seele spielen können." Gepflegte Volksmusik interessiert ihn weniger. "Dreigesänge über Scherenschleifer, Hirtabuam, Mägde und Knechte sind heimatkundlich interessant, auf de Oima gibt's Koima (auf den Almen gibt's Kälber) aber auch immer mehr Schneekanonen, snowkanons, you know ; Stopherl, der jüngste der drei, parodiert das immer mehr überhandnehmende Bayrisch-Englisch auf der Bühne am besten.  Die Volkslieder der Biermösl Blosn sind Bestandaufnahmen ähnlich den Songs von Woody Guthrie in den USA, statt vergangener Idylle werden Massenkultur und Massentierhaltung besungen und das Altmühltal wird zum Altmühlkanal. "Wer was verändern oder erhalten will, muß die Realität sehen."

Zur Realität gehört auch, dass er in manchen Umweltschützern nicht die Verbündeten findet, die er sich erhofft hat. "Man kann doch nicht gegen Kernkraft kämpfen und gegen sinnvolle Alternativen sein, das ist doch hirnrissig!" Seine Stimme wird heftig, wenn er von Naturschutzverbänden erzählt, die gegen Solaranlagen im freien Feld agieren und Windparks für Teufelszeug halten. Also werden in einem der nächsten Lieder auch sie ihr Fett abkriegen. Es wird ihm nicht leicht fallen, aber: "es muß hoit sei."

Stichwort Auto. "Ha!", da hat er eine Geschichte und Geschichten kann er diesbezüglich einige erzählen . Mit dem Redakteur und einem Kameramann des TV-Magazins "Quer" war er nach Ingolstadt aufs Werkgelände von Audi gefahren, um in einem Filmbeitrag für den A2, das in weiten Bevölkerungskreisen unbekannte 3-Liter-Auto von Audi, Werbung zu machen. Aus dem Dreh wurde nichts, dafür wurden sie von der Werkspolizei vom Gelände verjagt, der Pressesprecher schlug in die Kamera. "Die wollten keine Werbung für dieses sparsame High Tec Auto, sie hatten eh beschlossen, die Herstellung einzustellen." 2005 wurde der A2 vom Markt genommen.

"Hansi, vergiss nicht, zwei S- Bahnen früher zu fahren, du kennst die Pünktlichkeit der S8!" ruft Sabeeka von draußen, sie putzt gerade das 400 Jahre alte Nebenhaus für ihre Eltern, die in wenigen Tagen aus Calcutta zu Besuch kommen werden. Es ist Spätnachmittag und am Abend stehen die Biermösl Blosn, zusammen mit Gerhard Polt, in Irschenhausen auf der Bühne. Das heißt, erst mit der S-8 nach München und dann umsteigen in die S 7. Sabeeka fährt Hans nach Türkenfeld zur S-Bahn. Drei Akkordeons, Saxophon und Gitarre auf einem Kofferkuli hinter sich herziehend wird er in Irschenhausen eintreffen und die Leute werden sich wundern. Vielleicht wird ihn jemand drauf ansprechen. Hans Well freut sich darauf. Eine Diskussion über Energie, die ist fast so schön wie Applaus.