Nachruf, Ende Januar 2014

Pete Seeger: Mit Banjo
und Beil – und Kuchen

Pete Seeger and his pickup full of lumber

Pete Seeger, Beacon, 2010. Foto Claus Biegert


Wir trauern um Pete Seeger, der uns bei der Preisverleihung 2010 in der Great Hall von Cooper Union in New York City begleitet hat.


Beacon, eine Kleinstadt nördlich von New York, direkt am Hudson River. Hinter dem Ort muß man aufpassen, der Einschnitt im Wald ist leicht zu übersehen. Der Weg hoch zu den Seegers ist steinig und steil. Schnee oder Schlamm können hier leicht zur Barriere werden, dann muss man zu Fuß hoch. Steinig und steil, gleichsam ein Synonym für des Sängers Lebensweg. Oben, wo das Blockhaus und die ausgebaute Scheune in einer Waldlichtung stehen, wird man mit einem breiten Blick auf den Hudson belohnt, jenen Strom, für den Pete gleichsam ein Pate war, für ihn schrieb er 1961 den Song "My Dirty Stream", 42 Jahre war er damals alt, für die nächsten 52 Jahre sollte er für den Hudson seine Stimme erheben. So unermüdlich, wie er seine Stimme für Abrüstung und Bürgerrechte erhob, für die Anti-Atom-Bewegung und für alle, die in unserer Gesellschaft keine Stimme haben, wie zum Beispiel ein Fluß. Damit war er für Jahrzehnte die Stimme des anderen Amerika.

Er erhob seine Stimme auch für Besucher. Dann stellte er sich neben dem Blockhaus an die Kante des Anwesens und jodelte ins Tal. Das Blockhaus hat er mit seiner Frau Toshi und vielen Freunden 1949 selber gebaut; es hatte zwei Räume und in den ersten Jahren weder Strom noch fließend Wasser. In den Neunziger Jahren bauten die Seegers die Scheune aus, die bis dahin Töpferwerkstatt für eine der Töchter gewesen war. Oft hatte ich in den letzten dreißig Jahren das Vergnügen, ihn daheim zu erleben, meistens mit der Axt in der Hand, manchmal dem Banjo. Täglich schwang er das Beil, das letzte Mal zehn Tage vor seinem Tod, so berichtet sein Enkel Kitama Cahill-Jackson.

Seine Axt hat sich schon früh in die amerikanische Folk-Chronik eingegraben: 1965 auf dem Newport Folk Festival soll er mit ihr gedroht haben, als Bob Dylan zur E-Gitarre sang. Er wollte, so wird kolportiert, die Folkmusik rein halten. Oft mußte er das Axt-Zitat korrigieren: Er sei wütend über die extreme Laustärke gewesen, weil man den guten Text von "Maggy's Farm" nicht verstehen konnte. "Wenn ich eine Axt zur Hand gehabt hätte, hätte ich wahrscheinlich die Kabel durch gehackt." (http://www.youtube.com/watch?v=UXbf7o8HGv0)

Das Holzhacken, so sagte Pete, wenn die Sprache darauf kam, habe ihn so lange fit gehalten. Im November 2013 hatte ich das Glück, ihn ein letztes Mal besuchen zu dürfen. Die Axt lehnte draußen, innen lehnten zwei orthopädische Gehstöcke aus Aluminium. Er brauchte sie nicht, er hatte sie sozusagen aus politischer Notwendigkeit gekauft. Zusammen mit Arlo Guthrie hatte er sich einem Marsch der Occupy Bewegung in Manhattan angeschlossen. Und um beim Tempo der Demonstration mithalten zu können, hatte er sich für die Gehhilfen entschieden. Auf YouTube kann man ihn sehen. Soviel zu den Stöcken.

Im Jahr zuvor Jahr starb Toshi, 91jährig. Ihre Mutter, eine Amerikanerin, war mit ihrem Vater, einem Japaner, in München als sie zur Welt kam. Toshi nannte er – neben Woody Guthrie und Lee Hayes - wenn er nach den Genies in seinem Leben gefragt wurde. Toshi war ein Organisationsgenie, sie war das Rückgrat zahlreicher Festivals - sie war das Gehirn, sagte Pete. Er lernte Toshi an einem Abend mit Square Dance kennen, 1943 war die Hochzeit. Er konnte sich keine Ringe leisten, also ging Toshi zu ihrer Großmutter und lieh sich Geld. Für die Heiratsurkunde fehlten ihm 3 Dollar, die lieh sie ihm auch. "Wenn ich eine Idee hatte, dann sorgte sie dafür, dass ich sie verwirklichen konnte." 2007 war sie die Produzentin der PBS-Dokumentation "Pete Seeger: The Power of Song". Sie war es auch, die ihm das Segeln beibrachte.

Und sie sorgte dafür, dass immer ein Kuchen im Haus war. Es gibt eine Anekdote aus den siebziger Jahren, die erzählt Arlo Guthrie besonders gerne: Er war zusammen mit Peter Seeger auf der Bühne der Carnegie Hall in New York City; es war das erste Mal, dass er allein mit dem Weggefährten seines Vaters Woody Guthrie einen Abend bestritt. Backstage wartete eine hohe, dunkle Schokoladentorte. Pete, kaum dass er den Kuchen sah, griff nach einem Messer und schnitt sich ein Viertel heraus. Wow, dachte sich Arlo, für ihn hat ein Kuchen nur vier Stücke. Doch dann ließ Pete das Viertel liegen und verschwand mit dem größeren Teil in seinen Umkleideraum.

Bei Arlo, dem geborenen Erzähler und Entertainer, weiß man nie, inwieweit eigenes Garn dazu gesponnen ist. Doch die Geschichte stimmt. Im Sommer 1997 besuchte ich Pete zusammen mit Barney McKenna, dem irischen Banjo-Genie. Beide, Barney und Pete, verehren einander, hatten sich aber seit den sechziger Jahre nicht mehr gesehen. Wir treffen zur Essenszeit in dem abgelegenen Haus hoch über dem Hudson River ein, Petes Frau Toshi serviert gerade den Nachtisch. Pete zieht den vorgeschnittenen Nußzopf von der Mitte zu sich und bedient sich mit beiden Händen. Während die rechte Hand ein Kuchenstück zum Munde führt, greift die linke nach dem nächsten Stück. Der Zopf schrumpft schnell, und Toshi mahnt: "Pete, wir haben Gäste". Mit einem singenden Sorry schob er den Rest in die Mitte des Tisches, dann nahmen die Hände ihren Rhythmus wieder auf. Die Gäste aus Europa bekamen je ein Stück.


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Nie in seinem engagierten Leben musste er auf die Linie achten. Es ist, als sei sein Instrument zeitlebens sein Vorbild gewesen: das Old Time Banjo, dessen dünner Hals weit ins Universum hinaus ragt und auf dessen gespanntem Fell im Kreis zu lesen ist: "This machine surrounds hate and forces it to surrender – diese Maschine umzingelt Hass und zwingt ihn, sich zu ergeben." Er beschriftete das Instrument 1967, nach dem Tode seines singenden Weggefährten Woody Guthrie; der hatte auf seiner Gitarre stehen: "This machine kills fascists – diese Maschine tötet Faschisten."

Pete, geboren am 3. Mai 1919 in Patterson, New York, Sohn einer Musikerfamilie – der Vater Dirigent und Musikethnologe, die Mutter Geigenlehrerin- hatte in Harvard ein Soziolige-Studium begonnen, aber auch schnell wieder aufgegeben. Er wählte den Grassroot-Weg, und der brachte ihn schließlich nach einem erfüllten agitatorischen Leben in die Songrwriters Hall of Fame, bescherte ihm die National Medal of Arts und viele Grammies – zuletzt 2009 für das Album "Pete at 89". Ehrungen verwandelte er immer in ein großes "Sing along". Als wir ihn einluden, der Preisverleihung des Nuclear-Free Future Award als Ehrengast beizuwohnen, überhörte er den "Ehrengast". Natürlich wollte er dabei sein, keine Frage, er reiste mit Banjo und Gitarre an, seine Tochter Tinja begleite ihn, sie kamen mit dem Zug von Beacon. Und dann, kaum waren die Preisträger geehrt, sangen wir alle "Turn, Turn, Turn".


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Es war ein wunderbarer Morgen, damals im August 1997, im Rückblick legendär. Pete und Barney im Zwiegespräch, der Reporter war vergessen. Zwei Banjo-Spieler mit dem Hang zum Wasser: Barney fuhr, wenn er nicht mit den Dubliners auf Tour war, mit dem Fischerboot in der Irischen See. Und Pete baute zwei Segelschiffe – die Clearwater und die Woody Guthrie –, die seit vierzig Jahren als ökologische Wachtposten auf dem Hudson kreuzen. Die bärtigen Barden saßen auf dem Sofa, ihre Instrumente auf den Knien, Pete erzählt, dabei griffen die Finger in die Saiten. Er erzählt aus den Tagen des Kommunistenjägers Joseph McCarthy, als er, Pete, vom "Ausschuß gegen unamerikanische Aktivitäten" verhört wurde, 1958 war es.

"Ein kluges Wort und schon warst du Kommunist", sagte Pete. "Daran hat sich bis heute nichts geändert", ergänzte Barney. Pete intoniert "Wasn’t that a time", das Lied seiner Gruppe "The Weavers", das ihm 17 Jahre Auftrittsverbot und Spielverbot aller Seeger-Platten auf den Radiosendern einbrachte. Die Seeger hatten damals drei Kinder großzuziehen. Wie er seine Familie über Wasser gehalten habe, wollte Barney wissen. Pete stolz: "Ich schrieb eine Spielanleitung für das 5-saitige Banjo; die habe ich in Jugendlagern und auf Folkfestivals selbst verkauft. Dort sang ich auch und ließ den Hut rumgehen. Bevor ich von den Behörden erwischt wurde, war ich schon wieder weg."

"Where have all the flowers gone”, Pete summt die Melodie, die zwei Banjos fallen ein. Jeder kenne Marlene Dietrichs Version "Sag mir wo die Blumen sind”, werfe ich ein, kaum jemand in Europa vermute dahinter einen Folksong von Pete Seeger. Er legte den Kopf nach hinten und singt: "Zahg meer vo dee Bloomen zind". Ihm sei die deutsche Version viel lieber, bekannte er, er habe das auch dem Texter Max Colpet geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen. Unbeantwortete Briefe vergaß er nie. Er selbst versucht bis zuletzt, alle Post selbst zu beantworten. Hat er Marlene Dietrich mal getroffen? "Ja, einmal. Eine tolle Frau. Sie kam auf mich zu, warf mir die Arme um den Hals und küsste mich." "Beneidenswert", kommentierte Barney.

An diesem Sommertag flimmert die Wasseroberfläche des Hudson, die Clearwater kommt ins Blickfeld , "wahrscheinlich sind ein paar Schulklassen auf dem Schiff", sagt Pete und sein Blick folgt dem Schiff, bis es aus unserem, Gesichtsfeld verschwindet. Er erzählt: Es war der Gestank des Flusses, der ihn in den Sechziger Jahren zum Aktivisten gemacht habe. 1969 baute er dann mit Freunden den ersten Segler. Damit fuhr er flußauf und flußab, sang an jedem Hafen und erinnerte die Anwohner an ihre Verantwortung. Daraus entstand eine Umweltbewegung, das Schiff wurde zum Namensgeber. Heute zählt "Clearwater" neben "Riverkeepers" und "Scenic Hudson Preservation" zu den Organisationen, die es geschafft haben, aus einer Industriekloake einen biologisch intaktes Ökosystem zu machen, in dem wieder Flußkrebse leben und Kinder schwimmen können. Gemeinsam mit Woody Guthrie war Seeger ein Union Singer, einer, der auf Versammlungen der Gewerkschaften sang. Als er mit Lee Hayes die "Almanac Singers” gründete, war Woody sofort dabei. Sie sangen gegen Faschismus und Nazi-Germany. ( de.wikipedia.org/wiki/The_Almanac_Singers ) Dann kam der Vietnam-Krieg und Pete sang gegen ihn. Das Eintreten für die Umwelt sah er jedoch nie als Kurswechsel: "Damals ging es um die Ausbeutung der Arbeiter und gegen den Krieg, heute geht es um die Ausbeutung der Erde, das ist wieder ein Krieg.

Arbeitsplatz und Umweltschutz dürfen keinen Widerspruch darstellen." Ökologische Politik bedeutete für ihn Gesellschaftsveränderung: "Wenn die Machtstrukturen so bleiben, dann lässt sich auch ökologisch nichts bewegen." "Umgekehrt gilt das Gleiche", kommentierte Barney.

Vor dem Haus steht ein Pick-up mit Elektromotor. Am Heck ein Aufkleber: "If the people lead, the leaders will follow". Das war zeitlebens sein Thema: Die vielen kleinen Schritte vieler Menschen in Richtung Veränderung. "Irgendwann werden dann auch die Führer folgen", sagte er oft in Interviews, immer mit jener Überzeugung, die sein Charisma als Bühnenstar und Folksänger erklärte. Obamas Aufruf zur atomaren Abrüstung nahm er mit Genugtuung zu Kenntnis, zu Überschwang neigte er deswegen nicht. Zwei Tage vo der Amtseinführung des ersten schwarzen Präsidenten hatte er zusammen mit seinem Enkel Tao Rodriguez-Seeger und Bruce Springsteen vor einer halben Million Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington Woody Guthries s Hymne "This Land is Your Land" gesungen.

Seine Erfolgsstrategie lautete: If a million people do a million things. Dazu hatte er ein Bild: "Stellt euch eine Kinderwippe vor!" Kein Problem, dazu muss Vorstellungskraft reichen, seine langen Arme untermalten stets das Gesagte: "Auf der einen Seite schwere Felsbrocken, abgeladen von den multinationalen Konzernen. Auf der anderen Seite, die in die Luft zeigt, ein löchriger Korb. Mit Teelöffeln versuchen wir Sand in den Korb zu häufen. Der meiste Sand rinnt wieder durch die Löcher, noch bevor neue Teelöffel wieder Sand hinein kippen. Doch irgendwann werden soviele Menschen mit Teelöffeln voll Sand kommen, dass die Seite mit dem Korb das Übergewicht bekommt."

Ein kleiner Löffel, das passte zu ihm. Bescheidenheit zeichnete Pete und Toshi Seeger bis ins hohe Alter aus. Bob Dylan nannte Pete einmal "einen Heiligen" und Joan Baez sagte, er habe Ihresgleichen den Weg gewiesen. Pete war 88, da brachte einer der Großen aus dem Rock-Lager die Seeger-Songs einer neuen Generation nahe: "The Boss" Bruce Springsteen. Er überraschte seine Fans mit dem Album "The Seeger Tapes" und tourte mit einem Seeger-Programm durch die Staaten. Plötzlich wurden die Medien wach und erkannten, dass der 1919 in New York City geborene Musiker noch immer am Leben war, noch immer zu den Weltthemen Abrüstung und Naturzerstörung Kommentare abgab und noch immer mit seinem Enkel Tao und Arlo Guthries Familie auf die Bühne ging.

Am 3. Mai 2009, seinem 90. Geburtstag, kamen alle aus der Großfamilie des Folk im Madison Square Garden in New York zusammen, um ihren Paten vier Stunden lang zu feiern und aus vollem Hals den Mann hoch leben lassen, der ihnen den Weg der Teelöffel gewiesen hatte – mit seinen Liedern und einer 5-saitigen Maschine. Und auch der Hudson war auf der Bühne present: Eine Lichterschnur formte die Umrisse eines Segelschiffs, und der Erlös des Abends ging an die Organisation Clearwater.

Pete stand aufrecht auf der Bühne und die Halle sang. Aufrecht stand er immer da, meistens eine wollene Mütze auf dem Kopf. Als Busch gegen den Irak in den Krieg zog und im Kampfanzug auf dem Deck eines Flugzeugträgers "Mission Accomplished" ins Mikrophon sprach, 2003 war es, da stand er allein, unten am Highway in Beacon und hielt ein Schild in die Kälte. Auf diesem Schild stand nur ein Wort: Peace.

Rest in peace, Pete.