Zum Tode Richard Erdoes

Ein Medizinmann wollte,
dass er schreibt

Richard Erdoes Drawing

Richard Erdoes Zeichnung


Er war der Mann, den sie "Inyan Wasicun" nannten. Indianer sind zurückhaltend, wenn sie Weißen einen Namen geben, denn ein Name macht den Fremden zu einem der Ihren. Es sind nicht Federhauben, wie sie vor Kameras Politikern aufgesetzt werden, nein, es sind die Namen.

Der Zeichenstift hatte Richard Erdoes 1940 auf der Flucht vor den Nazis über den Atlantik getrieben, denn durch seine respektlosen Karikaturen war er ins Visier der Gestapo geraten. Der damals 28jährige Kunststudent kam mit Ortswechseln gut zurecht, er hatte in Wien gelebt, in Frankfurt, Berlin, Budapest, Frankfurt, Paris, auf dem Balkan und in Italien. "Ich bin", sagte Erdoes gern, "eine Verkörperung des alten vielrassigen, vielsprachigen österreich-ungarischen Reiches. Ich war zu gleichen Teilen Österreicher, Ungar, Deutscher, und ich war zu gleichen Teilen katholisch, protestantisch, jüdisch, sogar ein bisschen mohammedanisch."

In New York nahm ihn die deutsche Gemeinde auf, Oskar-Maria Graf holte ihn an den Stammtisch, er kam mit Bert Brecht in Kontakt, und sein Talent als Illustrator ließ ihn bald Arbeit finden. TIME LIFE gehörte zu seinen Auftraggebern, dort lernte er auch seine Frau Jean kennen. Seine Familie – bald hatten sie drei Kinder – nahm er auf seinen Reisen mit, und die Indianer, die sie im Westen kennen lernten, schätzen es, dass dieser weiße Mann reiste wie sie. Richard und Jean luden ihre indianischen Freunde ein, nach New York zu kommen, und das taten jene auch, bald hieß das Apartment in der 89. Straße westlich des Broadways "Sioux Side". Diese Gastfreundschaft war die Basis dessen, was noch kommen sollte.

Es kam Tahca Ushte, ein Medizinmann der Minneconjou, einer der Lakota-sprechenden Stämme, von den Amerikanern Sioux genannt; Tahca Ushte war im Englischen Lame Deer (Lahmer Hirsch); in den Akten des Bureau of Indian Affairs lief er unter John Fire. Tahca Ushte mietete sich ein in der 89th Street West, sang, erzählte, rauchte mit seinen Gastgebern Canupa, die rituelle Pfeife, und sagte eines Abends: "Richard, you will write my book."

"Ich soll ein Buch schreiben? Ich male und zeichne, aber ich bin kein Schriftsteller." Das wisse er, sagte Tahca Ushte, aber seine Medizin sagte ihm, dass er bald einer sein werde. Er könne, lautete Richards nächster Einwand, jedoch nicht perfekt Englisch und überhaupt kein Lakota. Das ließe sich lernen, beruhigte ihn Tahca Ushte. "Und wer soll es drucken?" versuchte Richard Erdoes als letztes Argument, er habe doch auch keinen Namen als Autor. "Du wirst dann einen haben", sagte der Medizinmann, "denn es wird unser Buch sein, und die Geister sagen mir, dass es ein Erfolg wird." Erdoes schrieb ein Probekapitel, Tahca Ushte diktierte eine Inhaltsübersicht, der Prominentenfotograf Peter Bash, der sich auch als Literaturagent verdingte, brauchte nur zwei Tage für den Vertrag mit Simon & Schuster.

Und bald darauf fand Erdoes sich im Dunkeln wieder, in einer Hütte abseits der Straße auf dem Rosebud Reservat, ihm zu Ehren wurde eine Yuwipi-Zeremonie abgehalten, bei der kleine Steine aus dem Erdinneren eine besondere Rolle spielen. Und hier nannten sie ihn Inyan Wasicun. Inyan ist der Stein, samt seiner Botschaft, die ihm anhaftet, Wasicun kann der weiße Mann sein, aber auch ein Wesen mit besonderen Kräften. Einer aus der Runde rief: "Wir unterstützen euch bei dem Buch. Wenn es gut wird, dann wird Inyan Wasicun Übermittler von Geheimnissen bedeuten. Wird es schlecht, dann bist du bloß ein weißer Mann mit Steinen im Kopf."

"Lame Deer – Seeker of Visions" erschien 1972 und wurde ein Bestseller. Es ist immer noch in den Buchläden. Für Studenten der Völkerkunde ist es an den meisten Universitäten der USA Pflichtlektüre. Was das Werk von ähnlichen unterscheidet: nicht ein weißer Akademiker suchte sich einen Stammes-Informanten für "sein Buch", sondern ein Indianer suchte sich einen Autor für "ihr gemeinsames Buch". Bald meldeten sich andere, und es entstanden, neben einem gewichtigen Werk über Mythologie mit dem indianischen Anthropologen Alfonso Ortiz, im bewährten Autoren-Doppel Biografien von Lame Deers Sohn Archie Fire, Mary Crow Dog, Leonard Crow Dog und Dennis Banks.

In der Nacht auf den 17. Juli ging Richard Erdoes, 96 Jahre alt, von seinem Haus in Santa Fe aus in die Jagdgründe seiner Freunde. Diesen Sommer wird auf vielen Powwows ein Lied zu seinen Ehren gesungen werden.