"UN-Permanent Forum of Indigenous Issues" in NYC

Oren Lyons: Wir brauchen eine Konvention!

 Chief Oren Lyons during the

Chief Oren Lyons during the "Permanent Forum of Indigenous Issues" at the UN in NYC, 24 April 2017. Am nächsten Tag forderte er vor der UN-Vollversammlung eine Konvention (image © Claus Biegert).



Sollten wir nicht zufrieden sein? Respekt gilt den Ureinwohnern und Mutter Erde. Gerechtigkeit hält Einzug in die indigene Welt. Es gibt sogar eine Deklaration, die das alles regelt: "The Declaration for the Rights of Indigenous Peoples". 2007 trat sie in Kraft. 10 Jahre. Ein Grund zum Feiern.Das "Permanent Forum of Indigenous Issues" diente als Plattform für die Gratulanten. In der heiligen, hohen Halle der UN-Vollversammlung traten die Redner ans Pult und bewiesen dabei, dass sie über die Jahre gelernt haben, wie man sich ausdrückt zur Zufriedenheit aller. Sie sei geehrt, hier auf dem Land der Lenape zu sein, sagte Carolyn Bennett, die kanadische Ministerin für "Indian and Northern Affairs" bei der Eröffnung am 24. April. Sie sprach, als sei sie der Kultur der First Nations ganz nah. Is sie persönlich vielleicht  auch, während die Gewinnung von Ölsand indianisches Land im Norden zerfleischt. INDIGENOUS. Die Wände vibrierten bei diesem Wort. Kein Satz der Regierungsvertreter ohne Indigenous. Erst Andrew Gilmour, ein Berater des Generalsekretärs und Leiter des Büros des Hochkommissars für Menschenrechte, rückte das Bild wieder etwas zurecht. Es ist ja grosse Ignoranz von Nöten, um zu leugnen, dass unser Wettrennen um Bodenschätze die Lebensräume indigener Völker weltweit schrumpfen lässt.

Für Klartext sorgte endgültig Boliviens Präsident Evo Morales, der mit seiner flammenden Rede am zweiten Tag den Tenor für die zwei Wochen vorgab: Kapitalismus ist Resultat und Fortsetzung des Kolonialismus. Und der Krieg gegen die Natur ein Krieg gegen Naturvölker und Naturschützer.

Das Programm zeigte, dass in der Organisation durchaus progressive Kräfte mitwirken konnten: Ein halbtägiges Panel galt der Gewalt an indigenen Frauen. Und erstmals gibt es einen "Indigenous Media Room", der intensiv genutzt wurde und zugleich eine Würdigung de kontinuierlichen und sorgfältigen Arbeit indigener Medien darstellt. Zwischen all den Nachrichten der Verfolgung von ( nicht nur indigenen) Naturschützern gab es eine Meldung, die als deutliches positives Zeichen eines Paradigmenwechsels in die Welt strahlen wird: das Parlament von Neuseeland erklärte vor wenigen Wochen den heiligen Fluss der Maori, Whanganui, zur juristischen Person. Von nun an können Wächter des Whanganui vor Gericht gehen und in seinem Namen klagen. Die Augen der Maori-Delegierten glänzten, als sie davon erzählten.

Die Deklaration wird von UN-Seite als das Instrument des 21. Jahrhunderts gesehen - für die Betroffenen jedoch ist das rechtlich unverbindliche Dokument eine Zwischenstation auf dem langen Weg, der vor 40 Jahren mit einem kleinen Büro des International Indian Treaty Council im "Church Center for the United Nations" und einer grossen Konferenz im Palais des Nations in Genf begonnen hatte. Phyllis Young, 70, war eine Mitstreiterin  der ersten Stunde. Als Sprecherin von Standing Rock lud sie zu einem Treffen in das Church Center, um klar zustellen, dass Präsident Trump den Widerstand gegen die Dakota Access Pipeline (als auch gegen alle anderen Pipelines) nie brechen könne. Der Widerstand gegen Pipelines trifft sich mit dem Widerstand gegen den Abbau von Uran, Ölsand, Zink, Seltene Erden. Es wird klar: Unsere Industriegesellschaft lässt sich ohne Verletzung der Menschenrechte kaum aufrecht erhalten. Ein Film macht zeitgleich die Runde durch die USA: "First Daughter and Black Snake." Ein Manifest gegen Ölpipelines. Die Dokumentation folgt Winona LaDuke. Ein Roadmovie des Widerstands.

Die Deklaration: eine Etappe. Das Ziel: eine UN-Konvention für die Rechte indigener Völker.

Was beim Empfang des Seventh Generation Fund noch die Gespräche bestimmte, wurde bald darauf ins UN-Protokoll diktiert: Oren Lyons, Häuptling der Onondaga Nation, sprach im Namen aller indianischen Nationen Nordamerikas. Drei Minuten. Lyons ging am Stock zum Rednerpult, bald wird er 90, am Mikrophon richtet er sich auf, wird mit jedem Wort jünger. Zweieinhalb Minuten über die Lage der erwärmten Erde und die Notwendigkeit der Kooperation mit indigenen Völkern am Vorabend der Katastrophe, dann kommt er zum Punkt: Die Deklaration hat ihre Schuldigkeit getan, jetzt brauchen wir eine Konvention. Es ist gesagt!

Wieder werden Jahrzehnte vergehen. Wir, so heisst es in einem indianischen Gedicht der siebziger Jahre, wir haben den längeren Atem. Die Jüngeren, die die jetzt zum ersten Mal die Gänge der UN durchirren, werden die Arbeit fortsetzen. Und irgendwann in den 50er Jahren dieses Jahrhunderts, sofern es dieses Gebäude einer um Frieden ringenden Weltgemeinschaft noch gibt, wird der Tadodaho der Haudenosaunee (höchster Häuptling der Irokesen-Konföderation) am Rednerpult stehen und die Verabschiedung der "Konvention für die Rechte indigener Völker" eröffnen.

Am Wochenende des 29. April reisten die meisten nach Washington, DC, um sich dem Marsch zum Earthday anzuschliessen. Aktivisten verschiedenen indianischen Nationen beider Amerikas führten den Marsch an; natürlich war Leonardo DiCaprio mit dabei. Auf ihn ist Verlass. Während Trump hinter den Regierungsmauern seine 100 ersten Tage als unvergleichlichen Erfolg feierte, riefen ihn draussen 200,000 zur Vernunft. Während drinnen Trump die Erderwärmung leugnete, herrschten draussen 34 Grad Celsius. Es war der heisseste 29. April in der Geschichte der Stadt.