Süddeutsche Zeitung, 24.10.2012

Krieger unter Strom:
Russell Means ist tot

Russell Means, South Dakota

Russell Means Foto © Claus Biegert


Er agierte, inszenierte, zelebrierte. Russell Means war sich seines Charismas bewusst und lebte auf, wenn die Kameras sich auf ihn richteten; mit wortgewaltigen Eskapaden war dann immer zu rechnen. Er verdammte den American Way of Life, wurde aber als Exot von jener Kultur gefeiert, die er verteufelte. Geboren 1939 im Gefangenenlager 44 (prisoner camp 44 lautete in Regierungsakten das Indianerreservat Pine Ridge in South Dakota) schaffte er es nach vier College-Abbrüchen und diversen Zwischenstationen als Cowboy und Tanzlehrer bis zum gefeierten Hollywoodstar, der prinzipiell nur 1. Klasse flog, um den Weißen in den Sesseln um ihn herum ein Dorn im Auge zu sein. Zwischen der Kindheit in Armut und dem Ruhm als Filmikone lag ein schillerndes Leben, in dem er, Russel Means vom Stamm der Oglala-Lakota, auch Geschichte schrieb. Anfang der Siebziger war sein erster großer Auftritt: Im Februar 1973 kam ein Trupp malerisch gewandeter Stadtindianer nach Wounded Knee (auf dem Reservat Pine Ridge) und besetzte den Ort, der seit dem Massaker von 1890 ein düsteres Kapitel der amerikanischen Pionierzeit darstellt. Einer der Meistfotografierten jener Tage: Russell Means. Die Besetzer nannten sich American Indian Movement, oder einfach AIM, und proklamierten die Unabhängige Oglala Lakota Nation. Die Ältesten des Stammes hatten AIM zu Hilfe gerufen, um die Weltöffentlichkeit auf den Imperialismus im eigenen Land aufmerksam zu machen. Wounded Knee brachte die US-Regierung zur Weißglut; um den Ruf nach Selbstbestimmung auf den Reservaten im Keim zu ersticken wurde die National Guard militärisch ausstaffiert und ein Sonderkommando FBI auf dem Reservat stationiert. Es folgten Jahre des Bürgerkriegs, Rassismus machte den Westen wieder wild, und Russel Means überlebte mehrere Mordanschläge. Er war bereits eine Kultfigur (von Andy Warhol porträtiert), als ihn Michael Mann 1991 ansprach und fragte, ob er nicht in einer Neuverfilmung von Coopers „Der letzte Mohikaner“ die Rolle des Chingachgook übernehmen würde. Russell sagt ja und blieb beim Film. Er wolle mithelfen, sagte er, die Klischees von einst auszumerzen. Nicht lange und Oliver Stone entdeckte ihn für "Natural Born Killers". In über 30 TV-und Kinoproduktionen sorgte er für eine authentische Note: Er war der Olympiasieger Jim Thorpe und der Hunkpapa-Medizinmann Sitting Bull, in dem Vor-Kolumbus-Epos "Pathfinder" kämpfte er gegen die Wikinger und in Disneys Animation "Pocahontas" lieh er Chief Powhatan seine raumgreifende Stimme. Als die AIM-Krieger neben ihm ihre Wut auf CDs bannten (sie hießen John Trudell, Dennis Banks, Floyd Westerman) wollte er nicht zurückstehen und debutierte mit dem Country-Rock-Album "Electric Warrior". Er war immer unter Strom: Nach dem politischen Mißerfolg als Präsidentschaftskandidat der Libertarian Party und dem Erfolg seiner Autobiografie "Where White Man Fears to Tread" startete er seine eigene Website "Russell Means Freedom", auf der er bis kurz vor seinem Tod amerikanische Politik und Kultur aus indianische Perspektive kommentierte. Daheim auf seiner Ranch im Reservat starb er kurz vor seinem 73. Geburtstag an Kehlkopfkrebs.