Manomin, Minnetonka, Mississippi

Geburtstag im Mittelwesten: Minnesota wird 150

Cottonwood, Minnesota, model for Garrison Kiellor's fanciful Lake Woebogone

Cottonwood, Minnesota – Lake Woebegone Muster


Der lange Ruf eines Loon in der Morgenstille. "This is my kind a day", sagt Ann Bancroft. Ihre Stimme kommt mit hohlem Klang, den Kopf sieht man nicht. Was man sieht ist ein umgekipptes, sprechendes Kanu auf zwei Beinen. Hier, in den Boundary Waters nahe der kanadischen Grenze, sieht man Kanus über Land laufen, sobald der Schnee geschmolzen ist. Portages heißen die Pfade von See zu See, ausgetreten von Indianern, Trappern, Händlern, Jägern, heute von Sportlern und Touristen. Früher waren Kanus aus Birkenrinde, später aus Holz oder gewachstem Segeltuch, heute sieht man fast nur Boote aus Polyester.

"My kind a day" heißt: ganz nach meinem Geschmack. Im Land der 10 000 Seen sind die ersten Stunden des Tages wie ein zerbrechliches Geschenk, dessen Verpackung noch unversehrt ist. Kein See im Norden ist ohne Loon. Loon ist der große nordamerikanische Taucher, dessen dunkler Klageton besonders unter die Haut geht, wenn Frühnebel den Wasservogel unsichtbar macht. Er ist der offizielle Vogel Minnesotas, jenem Staat im Norden des amerikanischen Mittelwestens, in dem jedes Auto auf dem Nummernschild die Prägung trägt: Land of 10 000 Lakes. Minnesota, deutsch und skandinavisch – und noch immer indianisch – geprägt und am 11. Mai 1858 zum 32. Bundesstaat ernannt, meldet dieses Jahr einen runden Geburtstag. Auf Festtagsputz wird verzichtet, es ist nicht die Art der Minnesotans, laut zu feiern. Außerdem ist alles, was sich vorzeigen läßt, sowieso da, man muss also nichts auspacken oder umräumen. Und die Seen glänzen. Bis auf die frostigen Monate, dann nämlich sind sie von Eisfischern dicht besiedelt; von größeren Seen wird erzählt, dass dort sogar der Postbote Eingeschriebenes jenen Anglern zustellt, die ihre Wohnungen verriegelt haben und in ihren Fishhuts (bodenlosen Holzhütten, kaum gößer als zwei WC) hartnäckig und stumm über dem Loch im Eis auf einen Fang warten.

Anns Kopf wird sichtbar, aus ihren braunen Augen schaut Zufriedenheit. Sie hebt das grüne Boot mit leichter Hand auf das Dach ihres Wagens. Wir sind in Ely, einem der nördlichsten Siedlungen Minnesotas, dahinter beginnen die Wälder, dahinter bleiben die Mobiltelefone stumm. In Ely hat sie im Winter trainiert, bevor sie 1976 mit Will Stegers Expeditionsteam zum Nordpol startete, auf die alte Art mit Hundeschlitten. Alle waren Männer, bis auf Ann, seitdem gilt sie als die erste Frau am Nordpol. Doch sie fühlt sich nicht so, denn: "Wir wissen ja nicht, wie viele Frauen der Inuit dort schon vorbei kamen, ohne sich um den Pol zu kümmern." Ist das typisch Ann oder typisch Minnesota? Nicht viel Aufhebens machen, das ist ihre Art. Und das ist hier die Art.

Zwischen den Seen – es sind wahrscheinlich an die 15 000 – begegnet man im Wortschatz der wortkargen Menschen noch einem Begriff von Gestern: the Explorer – der Forscher. Ann Bancroft und Will Steger sind Explorer, sie durchwandern unbewohnte Regionen unseres Planeten, vornehmlich die Pole. Doch ungleich der Pioniere der Vergangenheit wollen sie mit ihren Expeditionen nicht die Zivilisation weitertragen, sondern unberührte Landstriche vor ihr schützen. Auf ihren Vortragsreisen sind beide ökologische Warner. Wo beide vor 20 Jahren noch auf Eis gingen, ist heute Wasser.

Explorer Steger betreibt mit seiner Frau in Ely eine kleine erlesene Schuhmanufaktur mit Versandkatalog. Als Vorbild dienen die Mokassin der Indianer und die kniehohen Mukluks der Inuit. Stegers Winter- und Hausschuhe aus Elchleder sind Handarbeit und, wie der hagere Wildnismann Steger betont, durchaus in der lokalen Tradition: Aus Minnesota kommen zwei international renommierte Markenfirmen – Minnetonka-Mokassin und Redwing-Stiefel. Selbst die indigene Kultur weist auf die Füße: Der Stil ihrer Hirschlederslipper brachte den Indianern bei den Nachbarstämmen jenen Namen ein, unter dem sie bekannt wurden: Chippewa (in den USA) oder Ojibway (in Kanada) – damit ist die gefältelte Machart ihrer Mokassin angesprochen. Sie selbst nennen sich Anishinabeg – was in ihrer Sprache schlicht Menschenwesen bedeutet.

Zwei berühmte indianische Menschenwesen sind Dennis Banks und Winona LaDuke, beide haben nahe den Headwaters, dem Quellgebiet des Mississippi, auf ihren Reservaten vorbildliche Kleinunternehmen gestartet; der Versand von Manomin, dem wilden Reis Minnesotas – einzig in Nordamerika – , steht im Mittelpunkt. Manomin wird im Spätsommer mit dem Kanu geerntet. Winonas Wildreisversand ist gekoppelt mit dem White Earth Land Recovery Project. Da die Hoffnung auf die Rückgabe gestohlenen Landes eine trügerische ist, hat Winona – ihr Anishinabeg-Name bedeutet Donnervogelfrau – sich auf Rückkauf eingeschworen: Alle Gewinne des Betriebs gehen in den Fond. Noch immer sind 90 Prozent der am Reißbrett entstandenen, quadratischen White Earth Reservation in weißem Besitz, aber das Ungleichgewicht wird sich verändern, denn Winona LaDuke sucht erfolgreich Familienfarmen, deren betagte Besitzer verkaufen wollen und froh sind, den Betrug aus dem 19. Jahrhundert auf diese Weise mildern zu können. "Die Unterschriften der Landverkäufe wurden erschwindelt und meist unter Alkohol geleistet, viele stammten von Kindern", erzählt sie – "doch wir werden es uns zurück holen", ergänzt sie im gleichen Atemzug, mit einer Selbstsicherheit, die das Bild vom besiegten Ureinwohner Lügen straft. Sobald die Landbasis ausreicht, wollen die Donnervogelfrau und ihre Mitstreiter das Reservat auf Windenergie umrüsten.

Für einen Besuch des White Earth Land Recovery Project empfielt sich als Absteige die Ice Cracking Lodge in Ponsford. Die meisten Übernachtungsstätten des Nordens bestehen aus kleinen Blockhütten und sind nah am Wasser gebaut, der erste Kaffee am Morgen im Schlafanzug bei Sonnenaufgang mit Blick auf Loons im See wird hier als Attraktion gar nicht erst aufgeführt. Weiter östlich, im Grenzstädtchen Walker, gruppieren sich über fünfzig Resorts entlang der Küste des Leech Lake und überbieten sich an Kuschligkeit; "Cry of the Loon Lodge" und "Embracing Pines" sind zwei davon. Von hier aus ist es nicht weit zu Dennis Banks, der, wenn er nicht gerade in Japan Restaurants mit Manomin beliefert oder einen Demonstrationszug nach Washington anführt, sich über Besucher freut. Im Sommer organisiert er seit Jahren eine Kanu-Regatta. Außerdem warten die Leech Lake Chippewa von Mai bis November mit sechs Powwows auf, im Powwow-Kalender 2008 ist das indianische Minnesota mit 50 Tanzfesten prominent vertreten. Wer das Authentische sucht, Fry Bread noch nicht kennt (oder es liebt) und beim Kauf von Schmuck nicht Imitaten aus Fernost begegnen will, ist im Feder- und Farbenrausch eines Powwow gut aufgehoben.

Wir fahren nach Süden, unser Ziel ist Stillwater am St. Croix River, an dessen Ostufer die Grenze nach Wisconsin verläuft. Hier ist Ann zuhause. Hier wohnten viele Jahre der Dramatiker Sam Shepherd und die Hollywood-Schauspielerin Jessica Lange und zogen ihre Kinder groß. Niemand machte viel Aufhebens, wenn Sam am Morgen die Straße runter ging, seinen Kaffee trank und die Zeitung las. "Sie grüßten ihn, er grüßte zurück, niemand behandelte ihn als einen Besonderen", erzählt Ann.

Das verträumte Stillwater hat noch eine andere Seite: sein Gefängnis. Hier saß Dennis Banks in den Sechziger Jahren ein; der Anteil der indianischen Insassen war, verglichen mit dem Prozentsatz der Bevölkerung, extrem hoch. Für Handschellen reichte ein Rausch in der Franklin Avenue von Minneapolis, bei Frauen ging der Zelle nicht selten eine Vergewaltigung voraus. Banks entschloss sich, zusammen mit anderen Häftlingen aus den Twin Cities, den Kreislauf der Kriminalität zu durchbrechen und gründete eine Stadtteilpatrouille, die bis heute die Straßen abfährt, wenn die Kneipen schließen. Ihre Initiative nannten sie American Indian Movement, abgekürzt AIM, übersetzt: Ziel. Das Ziel der Bewegung: Die Ureinwohner aus der neonbunten Sackgasse des American Way of Life herauszuführen. In Minneapolis und St. Paul entstanden die ersten indianischen Alternativschulen, Survival Schools genannt.

AIM begegnet einem in St. Paul wieder. St. Paul, am Ostufer des Mississippi gelegen, ist die Hauptstadt Minnesotas und eine Flußbreite von Minneapolis entfernt; gemeinsam sind sie The Twin Cities – die Zwillingsstädte. Im Museum der Minnesota Historical Society widmet sich über das ganze Jahr eine kleine, illustre Ausstellung dem Jubiläum. Als kleiner multimedialer Themenpark sind die Ikonen des Staates aufgereiht, jedes Schaustück wurde von einem oder einer Minnesotan vorgeschlagen, die Nominierungen kann man nachlesen. AIM wurde auch vorgeschlagen. Eine Diashow gibt Einblick in die Chronik der Widerstandsbewegung, die sich nach der Besetzung des historischen Ortes Wounded Knee in South Dakota über ganz Nordamerika ausbreitete. Die Fotos stammen von einem Fotografen aus St. Paul. Sein Name: Richard Bancroft. Er ist Anns Vater.

Seiner Tochter ist eine eigene Installation gewidmet (mit Ausrüstungsrelikten der Nordpolexpedition), ebenso wie Bob Dylan (mit Kopfhöreren) oder dem ersten Snowmobil (mit Rost); letztere stammen beide aus der Eisenminenstadt Hibbing. Ein fiktiver Ort kommt auch zu Ehren: Lake Wobegon. Der Journalist Garrison Keillor hat Lake Wobegon ein Denkmals gesetzt und hier alle Schicksale der Immigranten zu einer Chronik Minnesotas verdichtet. Alles ist erfunden und alles ist wahr. Garrison Keillor ist jeden Samstag für alle da, im Minnesota Public Radio präsentiert er "The Prairie Home Compagnon", einen bunten Reigen im alten Stil vor Publikum. Mit seinem Live-Programm reist er über Land, aber wenn man Glück hat ist er da und sendet von St. Pauls Fitzgerald Theatre aus, am 15. Juni steht er dort wieder auf der Bühne. Seit Robert Altmans Film gleichen Namens (in Europa: The Last Radio Show), in dem Garrison Keillor sich selbst spielt, ist der kauzige Satyriker und Poet zu einem lokalen Original internationaler Größe gewachsen.

Seit zwei Jahren betreibt Garrison Keillor in Downtown St. Paul auf der Western Avenue eine eigenen Literaturhandlung: Common Books. Von Nina's Cafe führt eine steile Treppe hinter der Theke nach unten. Keillors Kellerladen fühlt sich an wie dessen eigene Bibliothek, in der man lesen und kaufen darf. Mainstream-Bestseller fehlen, der Poesie ist viel Regalraum gewidmet. Eine Tür zwischen körperlicher Labsal und geistiger Nahrung findet sich auch in Minneapolis bei Birch Bark Books. Dieser indianische Buchladen sucht seinesgleichen – kein Wunder: seine Besitzerin ist Louise Erdrich, Autorin von Weltrang, mit Vorfahren in Schwaben und den Anishinabeg. Wenn sie aufs Essen zu sprechen kommt, spielen Spätzle und Wildreis ebenbürtige Rollen.

Minneapolis hat ein Museum für modern Kunst von Weltrang: The Walker. Auch wenn man an einem windigen Sonnentag mit jagenden Wolken nicht unbedingt in fensterlose Gallerien eintauchen will, sollte man trotzdem dem Walker einen Besuch abstatten. Der Skulpturengarten ist ein urbaner Akzent, wie ihn nur wenige Städte der USA zu bieten haben – Eintritt frei, geöffnet täglich von 6.00 früh bis Mitternacht. Bildbestimmend unter den 40 Plastiken ist Michael Mingos riesiger Löffel mit Kirsche, der sich in einen Teich legt und diesen wie eine gekleckerte Lache auf dem Esstisch wirken lässt.

Richard Bancroft, 81 und wendig, besonders mit Axt und Paddel, wohnt am Sunfish Lake. Wer von seinem Grundstück aus Sunfish angeln möchte, muß ihn nur fragen. "Hey Dick, you mind somebody catching your fish?" "Come along!" Minnesotans lassen mit sich reden. An diesem Tag stehen fünf Autos in der Einfahrt, eines gehört Professor Marv Davidov. Marv gehört zur Bürgerrechtsbewegung, die in den Twin Cities sehr stark ist. Während er seine Ausbeute filetiert, doziert er über Krieg und Frieden, daheim und die Welt. Prairie Island, erzählt Marv, die Augen aufs Fischmesser gerichtet, sei für ihn der Mikrokosmos der Perversion: ein indianisches Casino neben einem Atomkraftwerk, dazwischen ein Indianerreservat und eine Bisonherde, und das alles auf einer Insel im Mississippi.

Wir sind wieder "on the road", Richtung Südwesten, nach Pipestone. Der Weg berührt blutige Vergangenheit: New Ulm und Mankado (Blaue Erde) waren in den Sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts Schauplatz des Dakota-Kriegs. Die trotz Vertrags ihrer Jagdgründe beraubten Dakota eröffneten einen Rachfeldzug, den das US-Militär mit der größten Exekution ihrer Geschichte bestrafte: 38 Indianer wurden gleichzeitig öffentlich gehängt. Die Schatten der Hinrichtung liegen noch immer auf der indianischen Gegenwart.

Wo sich Highway 14 sich mit dem Highway 71 kreuzt, läßt sich die Pionierzeit anfassen: Ein Haus aus Grassoden steht in der Prärie und läßt den Siedleralltag von einst erahnen. Gleichzeitig ist das romantische Graswurzelhaus (das eine Familie für 150 Dollar die Nacht mieten kann) Erinnerung an die gewaltsame Eroberung des Kontinents. Mit diesen Gedanken lässt sich der rote Steinbruch von Pipestone betreten, bis heute einer der heiligsten indianischen Orte von Turtle Island, wie Nordamerika von den Ureinwohnern liebevoll genannt wird. Pipestone war immer ein Ort der Harmonie, selbst Angehörige verfeindeter Stämme begegneten sich hier in Frieden, um die seltene rote Tonerde für ihre Pfeifen aus dem Boden zu brechen. Heute findet jeden Sommer nahe des Steinbruchs ein gemeinsamer Sonnentanz der Dakota und Anshinabeg statt.

Das Pipestone County Museum ist klein und verstaubt ;unpoliert und ohne Design-Eskapaden sorgt es für Authentizität. Exponate beider Kulturen – der Dakota und der Siedler – werden nebeneinander präsentiert. Ins Auge fällt ein "Crazy Quilt" in einem Schlafzimmer. Wer war die namenlose Künstlerin, die sich über alle konventionellen Muster hinweggesetzt hat, um dieses geniale Patchwork zu nähen, das einem noch lange vor den Augen rumtanzt, während das Auto schon längst wieder in Richtung der Twin Cities unterwegs ist?