Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 27.12.2008.

Falsche Freunde
mit fremden Federn

Wounded Knee

Wounded Knee, creative commons


"Wir bestätigen Darwins Theorie", sagt Arlette Loud Hawk. Ihre zerbrechliche Gestalt läßt sie älter wirken, sie ist Ende vierzig, eine Aura der Würde umgibt sie, wie sie auf der zerschlissenen Couch sitzt, hinter sich einen Wandteppich mit Hirsch; dahinter ist Sperrholz, weil das Fenster zerschossen wurde als auf dem Reservat Bürgerkrieg war, damals Mitte der Siebziger Jahre. Damals ging es um Selbstbestimmung, darum geht es auch heute – und um den Kampf gegen die Armut. "In der Evolution haben sich die verschiedenen Arten ihre Nischen gesucht und ihrer Umgebung angepasst", sagt sie. "Wir Oglala-Lakota haben es geschafft, uns perfekt der Armut anzupassen." Ihr Lachen ist hell und gleichzeitig düster und wird von einem trockenen Husten beendet. Im Radio singt Kris Kristofferson auf 90.1 FM; das ist KILI, der Stammessender.

Arlette hat Tränen in den Augen. "Wenn wir unsere Erde verkaufen, werden wir zum Washicu." Washicu ist das Lakota-Wort für Weiße, es bedeutet: der das Fett nimmt." Das Fett suchten die Weißen bei den Lakota bisher vor allem unter der Erde, dort fanden sie Gold und Uran. Um Uran geht es plötzlich wieder, seit die US-Medien Atomstrom als "Green Energy" anpreisen. Ein Unbehagen könne sie nicht loswerden, sagt Arlette leise und erzählt von Gerüchten, dass große Uranvorkommen im Norden des Reservats lagern. "Auf unsere B.I.A.-Regierung ist kein Verlass, sie verkaufen Ina Makoce, unsere Mutter, die Erde, um der Armut zu begegnen. Aber das ist keine Lösung. Wir sollten lieber auf Bisonfleisch und Windenergie setzen."

Die Abkürzung B.I.A. spuckt sie aus als schmeckten die Buchstaben bitter. Arlette lebt auf dem Reservat Pine Ridge im Süden des US-Staates South Dakota. Das Reservat war ursprünglich ein Gefangenenlager und wurde vom Kriegsministerium unter der Nummer 344 geführt; heute werden alle Reservate vom B.I.A., dem Bureau of Indian Affairs, verwaltet, das dem Innenministerium untersteht und das 1934 die Stämme zwang, eine Regierung nach US-Vorbild einzurichten; damit galten die traditionellen Häuptlinge entgültig als entmachtet.

Pine Ridge wird von rund 25 000 Oglala-Teton bewohnt; die Teton sind eines der verbündeten sieben Ratsfeuer, die im Vertrag von Laramie 1868 als "Great Sioux Nation" geführt werden. Arlette gebraucht den Begriff Oglala-Lakota,wie die meisten hier. Lakota ist ein politischer Terminus und bedeutet Verbündete; und da die nuancenreiche Sprache der sieben Verbündeten an die Stelle des L östlich der Lakota ein D und weiter nördlich ein N setzt, gibt es außerdem die Dakota und die Nakota.

Der Vertrag von Laramie 1868 – er bestimmt das politische und spirituelle Denken der Oglala. Für Arlette ist er kein historisches Relikt, sondern ein Dokument, das in die Gegenwart wirkt und ihren Alltag bestimmt. Wenn sie hinter ihrem Haus auf die Anhöhe steigt und nach Nordwesten zu den Black Hills blickt, den He Sapa, den heiligen Bergen ihres Volkes, dann blickt sie auf ihre Berge, denn sie liegen innerhalb des vertraglich zugesicherten Landes. Als 1870 in den Black Hills Gold gefunden wurde, war der Vertrag nur mehr Papier. Heute möchte die US-Regierung den Vertragsbruch mit 17, 5 Millionen Dollars begleichen, doch für die Lakota, Dakota und Nakota sind die He Sapa unverkäuflich – und so lautet die Antwort seit Jahrzehnten: The Black Hills are not for sale! Niemand rührt das Geld an.

Arlette springt in ihren Geschichten aus der Frühzeit der Menschheit ins Hier und Jetzt und wieder zurück. Da ist Großvater Fels, der als Meteorit auf die Erde kam und die He Sapa schuf, da ist das Massaker von 1890 an 300 unbewaffneten Männern, Frauen und Kindern, das ihre Großmutter überlebte. Die Mörder wurden nie zur Rechenschaft gezogen, dafür in Washington mit Tapferkeitsmedallien dekoriert. Wenn sie in den Ostteil des Reservats fährt, kommt sie in Wounded Knee am Massengrab vorbei.

Doch Wounded Knee birgt auch jüngere Erinnerungen: 1973 besetzte die Indianerbewegung American Indian Movement, griffig AIM genannt, diesen dunklen Ort indianischer Geschichte, um die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu lenken. Man hatte Superlative vorzuweisen: die höchste Selbstmordziffer aller ethnischen Gruppen der USA, die höchste Alkoholismusquote, die höchste Arbeitslosenziffer, die kürzeste Lebenserwartung, Rassismus und Rechtslosigkeit sobald sie die Reservatgrenze überschritten. Und man wollte die Marionettenregierung loswerden, die Washington eingerichtet hatte. Arlettes Eltern hatten sich dem Widerstand angeschlossen. Das zerschossene Fenster hinter dem Hirschteppich erinnert daran. Zwei Jahre dauerte der Bürgerkrieg zwischen Traditionalisten und den sogenannten Progressiven; letztere wurden vom FBI unterstützt.

Kris Kristofferson hat seinen Song beendet, er gehört zu den Musikern, die seit Wounded Knee den indianischen Widerstand unterstützen, wie Bonny Riatt, Bruce Cockburn, Willie Nelson oder Jackson Brown. Der Moderator spricht Lakota; seit 1983 strahlt KILI Radio sein Programm zweisprachig aus. "Die Stimme der Lakota Nation", sagt Arlette Loud Hawk, "ohne KILI wären wir verloren". Sie war selbst schon oft am Mikrophon. Das Lakota aus dem Lautsprecher wird zu Englisch, die Rede ist von 4000 Häusern, die eine Gesellschaft bauen möchte, von Uranbau in den Black Hills und radioaktivem Wasser auf dem Reservat.

"Nicht alle Lakota denken indianisch, passt auf, mit wem ihr sprecht", sagt sie zum Abschied. Sie steht im morschen Türrahmen und winkt. Auf KILI singt Willie Nelson. Es ist Juni, eine schiefergraue Wolkenwand nimmt die Hälfte des Firmaments ein, feine Blitze marmorieren das Dunkel. Bob Pille steht breitbeinig vor seinem Haus und folgt dem Naturschauspiel über der Prärie. Er ist der Umweltbeauftragte des Stammes. Dies erzählt er, während fern der Donner grollt: Anfang des Jahres habe eine Gruppe aus New York sich vorgestellt und Häuser angeboten, energie-effizient und ökologisch, die Zahl 4000 sei gefallen und als es um die Kosten ging, sei plötzlich von Uran die Rede gewesen, dessen Marktpreis ständig im Steigen sei und für Pine Ridge einen wirtschaftlichen Aufschwung bedeuten könne. "An diesem Punkt", betont er, "haben wir das Treffen beendet." Wer waren diese Herren von der Ostküste? "Sie nannten sich Native American Energy Group". Also doch Indianer? "Nein, der Name täuscht."

Bob Pille ist unruhig, ihn quälen Fragen: Wer steckt hinter dieser Group? Warum hat sie sich diesen Namen gegeben? Hat der Stammespräsident etwas vor seinen Ratsmitgliedern verborgen? War die Firma auf Einladung gekommen? Wie kann sich eine Firma, die Uran will, mit Häusern Zutritt verschaffen? Woher wissen andere überhaupt, wo Uran ist? Trotzdem ist Bob kein Pessimist: "Wir sind arm, und das macht uns ökonomisch schwach. Doch wird sind spirituell stark, und das unterschätzen die anderen."

Ende Juli kündigt KILI Radio zwischen den Songs von Tanja Tucker und Robbie Robertson einen öffentlichen Abend in der Billy Mills Hall in der Pine Ridge Agency an: Soll der Stamm Uran abbauen? Die Halle ist voll, Glanzbroschüren von NAEG, der "Native American Energy Group", liegen aus. Präsident John Steele schildert die Lage im Wortlaut von NAEG: Hochwertiges Uran lagere im Norden des Reservats und verseuche das Grundwasser, würde man es abbauen, wäre das Wasser wieder rein und der Stamm hätte Geld für Tausende neuer Häuser. Die Abstimmung endet mit einem NO aus vielen Kehlen. Viele wundern sich über ein Statement auf den Publikationen, das NAEG als Wohltäter preist: Es stammt von Leonard Peltier.

Peltier wird der Tod von zwei FBI-Agenten bei einem Schußwechsel im Juni 1976 auf dem Reservat zur Last gelegt. Auf Grund erpresster Zeugenaussagen und falscher ballistischer Untersuchungen wurde er zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Weltweite Kampagnen konnten bis heute eine Wiederaufnahme seines Falles nicht erreichen. Als politischer Gefangener seit 32 Jahren ist er eine Symbolfigur des Widerstands.

Wie kommt Peltier dazu, Vorschußlorbeeren an Unbekannte zu vergeben? Ein Brief geht an ihn, bald trifft die Antwort aus dem Gefängnis in Lewisburg, Pennsylvania, ein: Er wollte, erklärt er, seinen Leuten zu Wohnungen verhelfen und sie vor verseuchtem Wasser bewahren. Die Native American Energy Group habe angeboten, das Uran aus der Erde zu entfernen, um so die Kontaminierung des Trinkwassers zu stoppen, vorher würden sie das Wasser testen und Häuser bauen. "Die sind nicht dumm", sagt Milo Yellow Hair," die wissen genau, dass viele Leute denken, alles ist okay, wenn sie Leonards Namen lesen." Milo aus Wounded Knee ist ein weit gereister Journalist, Aktivist und Pferdezüchter, ein Mann mit Mißtrauen, wenn es um Fremde geht, die aufs Reservat drängen; mehrere Jahre hat er an der Entstehung der UN-Deklaration für indigene Völker mitgearbeitet."Die testen nicht nur das Wasser", sagt er, "die testen auch, wie korrumpierbar der Stamm ist. Mit einem Bündel Dollar vor der Nase des Präsidenten eines armen Stammes rumzuwedeln, ist Kolonialismus pur."

August, Zeit der Powwows. Jedes Wochenende wird unter freiem Himmel getanzt bis in die Nacht. NAEG verteilt kostenlose Wasserflaschen mit der Aufschrift: Water should only be H2O. Auf dem Etikett ist auch eine Internet-Adresse: www.nativeamericanenergy.com – die Website ist voll Federn, Tipis und indianischen Gesängen. Die ökonomische Zukunft der indianischen Nationen wird als gesichert gepriesen, denn die Reservate seien in Besitz begehrter Resourcen, vor allem Öl, Erdgas und Uran. NAEG folge, heißt es wörtlich, den Einladungen von Stammesregierungen und Individuen. Milo lacht verächtlich, sein Brustkorb ist ein mächtiger Resonanzkörper: "Bullshit. Ein Individuum kann eine Firma höchstens zu sich zum Kaffee einladen, aber nicht zur Exploration von Bodenschätzen auf Reservatsland."

Der Sommer geht zu Ende. Zwei Grassroot-Organisationen melden sich auf KILI Radio zu Wort: Owe Aku, eine Initiative, die die Werte des Lakota-Way propagiert und das Black Hills Sioux Nation Treaty Council, ein Rat, der den Vertrag von Laramie 1868 repräsentiert und der bei allen kommunalen Entscheidungen bis heute ein Stimmrecht hat. Beide stellen beim Stammesgericht den Antrag auf eine Anhörung. Sie haben herausgefunden, dass der Chefmanager der Group, Raj Narvahan, unter vier Namen operiert, vor acht Jahren in einen Wallstreet-Skandal verwickelt war, Investoren um 12 Millionen Dollar gebracht hat. Warnungen vor NAEG tauchen im Internet auf, werden runter geladen, ebenso die Gerichtsakten.

Wir versuchen, NAEG zu erreichen. Die Telefonnummer auf der Homepage entpuppt sich als Antwortdienst. Die Homepage enthält Spuren, die nach Montana führen, dort gelangen wir nach Tagen an eine private Telefonnummer in New York. Die Antwort ist ein unwirrsches Geräusch: "Yeahrrrrh". In Kriminalfilmen klingen Drahtzieher so, wenn sie gestört werden. Die Stimme gehört Nag Ravajan, er hört sich verärgert an. "Auf Pine Ridge haben wir keine Geschäfte vor", sagt er. Und: "In Situ Leach Mining ist ungefährlich, aber gewisse Oglala, die dagegen sind, haben keine Ahnung." Und: "Wenn ich abends ins Bett gehe, habe ich das Gefühl, nichts Schlimmes getan zu haben." Und: "Wir werden geholt, wir drängen uns nicht auf."

Auf KILI-Radio singt Buffy Sainte-Marie ihre Anklage "Priests of the Golden Bull", danach ist Debra White Plume am Mikrophon. Sie hat die Organisation Owe Aku ins Leben gerufen und klärt über In Situ Leach Mining auf, eine Methode, bei der das Uran unterirdisch durch Säuren vom Gestein getrennt und anschließend an die Oberfläche gepumpt wird. "Wer garantiert", fragt sie, " dass die Chemikalien, die in unsere Mutter Erde gepresst werden, nicht abwandern und mit dem gelösten Uran Grundwasser und Quellen verseuchen?"

Oktober. Das Gericht hat dem Antrag statt gegeben, im Saal treffen die zwei Direktoren der Native American Energy Group mit ihrem Anwalt erstmals auf die traditionellen Autoritäten der Oglala. Aus dem Rollstuhl meldet sich wortgewaltig Chief Oliver Red Cloud und verweist auf die unumstößliche Gültigkeit des Vertrags von 1868, die von den falschen Freunden ignoriert worden sei: "Wir haben das Recht, unsere Souveränität auszuüben. Ihr seid nicht willkommen." Die Richterin bittet die Männer aus New York "aus Respekt vor der traditionellen Regierung", das Reservat zu verlassen, ein höheres Gericht werde die nächsten Entscheidungen treffen. Mit Trommeln und Gesang werden die ungebetenen Gäste zum Parkplatz begleitet. Das Singen hält noch an, als die Autos längst den Blicken entschwunden sind. "Wir können uns nicht auf unserem Sieg ausruhen", sagt Debra White Plume, "die werden wiederkommen." Und Milo Yellow Hair wartet mit einer Nachricht auf, die neue Unruhe schafft: "Alle Familien die Land besitzen, haben vom B.I.A. ein Angebot erhalten, ihr Land zu verkaufen. Damit soll angeblich das zersplitterte Reservat, das hauptsächlich vom B.I.A. und den Kirchen verpachtet wird, wieder Stammesland werden - dass ich nicht lache!" Und er lacht sein Lachen, das den Hörern von KILI aus den frühen Jahren nur allzu vertraut ist. Wenn es nach Milo ging, müßten alle Zäune weg, um Platz für Bisonherden zu schaffen.

Auf der Prärie liegt Schnee. Chief Oliver Red Cloud im Rollstuhl schaut in die Runde, die sich in seinem Haus versammelt hat – es ist seine Tiospaye, seine Großfamilie, auch Vertreter anderer Tiospayes sind anwesend. Alle wissen, dass nach diesem Angriff, den sie noch abwehren konnten, ein nächster kommen wird. Und sie wissen auch, dass Radioaktivität an Reservatsgrenzen nicht Halt macht. In den Black Hills und im angrenzenden Bundessaat Nebraska fahren die Uranfirmen bereits ihre Maschinen auf. Ob sie wissen, dass der indianische Widerstand nicht an der Reservatsgrenze Halt macht?