Bayern 2 RadioThema 5. Juli 2012, 20.03 Uhr

Woody und seine Kinder

Nora guthrie

Zum 100. Geburtstag von Woody Guthrie, dem Übervater des American Folk, und Vater von Nora Guthrie (oben). Image © Claus Biegert


O-Ton 1: Pete Seeger
Woody Guthrie, born in 1912, it was the year Woodrow Wilson was running for president. His father was a loyal democrat, named his son Woodrow Wilson Guthrie; Woody Herman, the band leader same age, people all over the country named their sons Woody because the parents were democrats...

Sprecher 2:
Woody Guthrie wurde 1912 geboren, in dem Jahr, in dem der Demokrat Woodrow Wilson um die Präsidentschaft kämpfte; viele Eltern, die Demokraten waren nannten ihre Söhne Woody. Woody Herman, der Bandleader, war der gleiche Jahrgang.

Autor:
November 2011. Pete Seeger, 92 Jahre alt, lehnt neben seinem Pick-up mit Elektromotor, auf der Ladefläche türmt sich Brennholz. Wir befinden uns nahe der Kleinstadt Beacon, eine gute Stunde nördlich von New York. Die Buche vor dem Blockhaus, das er vor gut 50 Jahren im Wald hoch über dem Hudson River für seine Familie gebaut hatte, musste gefällt werden. Zwei Stunden tun wir nichts anderes, als Buchenscheite auf den Wagen zu heben, die für ihn allein zu schwer sind, und die nach vier Händen verlangen. Mit dem vollen Truck fährt Pete dann um die Ecke, dort laden wir das Holz ab und schichten es auf. Und Pete redet dabei: über das Spalten und Hacken von Holz (täglich schwingt er das Beil), über seine Jahre mit Woody Guthrie, seine Zeit mit ihm bei den Almanac Singers, dann die Kommunistenhetze während der sogenannten McCarthy-Ära, als die Almanach Singers Auftrittsverbot hatten und ihre Songs wegen linkem Gedankengut im Radio nicht gespielt werden durften. Er räsoniert über Präsident Obama, über Abraham Lincoln, über den Hudson River und das Unterrichtsschiff Clearwater, aus dem die Umweltorganisation Clearwater hervorgegangen ist. Und wir sprechen über die Occupy-Bewegung in Manhattan. Pete hatte sich mit Arlo Guthrie in New York den Demonstranten angeschlossen und viele Gespräche auf der Straße geführt. Mit den Geschichten wächst der Holzstapel. Occupy Wallstreet – was würde Woody wohl sagen?

O-Ton 2: Pete Seeger
Ha,ha, he’d be down there, singing, I guess, making up new songs every day, about the kids he saw, about the old folks he saw, and wondering what the bankers were thinking looking out of their windows.

Voice-Over / Sprecher 2:
Haha, er wäre dabei, würde jeden Tag einen neuen Song schreiben, über die Jungen, die Alten, und würde überlegen, was die Banker hinter ihren Fenstern wohl denken.

Musik 1: Arlo Guthrie and The Dillards "This Land is Your Land"/Instrumental (0:44)

Ansage: (über Musik)
WOODY UND SEINE KINDER
Zum 100. Geburtstag von Woody Guthrie,
dem Übervater des American Folk
Eine Sendung von Claus Biegert

O-Ton 3: Pete Seeger
Anyway – I met him in 1940 and I always said, that he is one of the two or three geniuses I knew in my life. One of the geniuses is my wife who is an extraordinary organizer, organized festivals for the Clearwater, organized a world trip, she is an astonishing organizer. And another was Lee Hayes, the base singer who wrote "If I had a hammer&qout; and "Kisses sweeter than Wine" and numerous other songs. But Woody Guthrie wrote verses literarily every day of his life, he never threw any of them away and after he died his daughter raised the money to have every single one of them on, what they call archival paper, so the paper they were written on, when they turn brown and dusty they would have another copy... a 100 years since Woody was born and I hope there will be lots of stories, books, movies, radio programs who knows...

Voice Over / Sprecher 2:
Woody Guthrie habe ich 1940 kennen gelernt. Es gab in meinem Leben drei Genies: Das erste Genie ist meine Frau Toshi, eine außergewöhnliche Organisatorin; sie hat viele Clearwater-Festivals organisiert und mit dem gleichen Talent eine Weltreise. Das andere Genie ist der Bass-Sänger Lee Hayes, von ihm stammen Songs wie "If I had a Hammer" oder "Kisses Sweeter than Wine". Ja, und dann Woody Guthrie: Der schrieb jeden Tag ein Lied. Und er hat sie alle aufgehoben. Seiner Tochter verdanken wir, dass es ein Woody Guthrie Archiv gibt, und alle Lieder auf säurefreiem Papier archiviert sind, Papier, das nicht vergilbt und zerbröselt. Hundert Jahre ist es her, dass Woody Guthrie geboren wurde, ich hoffe, es wird viele Artikel, Bücher, Filme und Radiosendungen geben.

Musik 2: Woody Guthrie "This Land is Your Land" (2:15)

Autor:
This Land is Your Land. 1940 schrieb Woody dieses Lied. Die vergilbte, linierte Seite mit dem handgeschriebenen Text zeigt viele Verbesserungen. Zuerst sollte der Song "God Blessed America" heißen: Gott segnete America. Der Titel ist, wie auch der Refrain, durchgestrichen. Der neue Songtitel: "This Land is Your Land." Ein Song für die Menschen, nicht für die Regierenden. Heute wird der Song oft als die alternative Nationalhymne der USA bezeichnet. Die Blätter, auf denen Woody seine Liedtexte aufschrieb, sind für die Nachwelt erhalten, dank Nora Guthrie, die Anfang der neunziger Jahre begann, den Nachlass ihres Vaters zu einem Archiv aufzubauen. Nora erzählt. Wir sitzen in Potsdam, in der Bibliothek des Einstein Forums, das ein Woody Guthrie-Symposium organisiert hat.

O-Ton 4 /Nora Guthrie:
The archives came about very accidentally and grew very organically. When I was in my forties, I went to New York City where people were taking care of my father’s business, went to see to find out what was going on, and the man who was running the company at the time, Harold Leventhal, came into the room I was sitting, and he started handing me boxes of things, and he said, You ought to look inside, 'cause this is your Dad’s stuff; and my Mom had moved the boxes of materials into Harold Leventhals office and there they were sitting for twenty years, and my mother had taken a different role in her life after my father passed away; her main concern was to find a cure for Huntington’s decease.

Voice-Over / Sprecher 1:
Das Archiv ist mehr zufällig entstanden und dann sehr organisch gewachsen. Ich war Mitte Vierzig und besuchte in New York City die Künstleragentur, die die Rechte meines Vaters verwaltete. Und der Besitzer, Harold Leventhal, händigte mir mehrere Kartons aus, die meine Mutter bei ihm deponiert hatte und die seit zwanzig Jahre in seinem Büro geruht hatten. Meine Mutter hatte sich nicht darum kümmern wollen, ihr Hauptinteresse galt nach dem Tod meines Vaters der medizinischen Erforschung von Huntington Chorea.

O-Ton 4 (Fortsetzung): Nora
And so she had packed up the boxes, and that's the work she was doing, having to do with medical research, and that’s why the boxes sat there for so long, with no one really looking to see what was in there. And I kind of figured that I knew most of my father’s work and his writings etc., so I didn’t really pay much attention but I started unpacking the boxes just for ol' time’s sake, you know, and these were his papers and notebooks and everything that had been in our house my whole life, on book shelves and on tables, everything, I didn’t think there was anything new in there, but I was really surprised, I started pulling out pieces of paper, that had lyrics on them that I had never seen before, and when I showed them around to people like Pete Seeger or my brother Arlo. Evidently no one knew that my father had written all this material.

Voice-Over / Sprecher 1:
Ich schaute rein, aber nicht mit großer Neugierde, denn ich kannte ja die Arbeiten meines Vaters, dachte ich zumindest, aber als ich dann anfing, die einzelnen Seiten herauszuziehen und zu lesen, da machte ich große Augen. Denn diese Sachen waren ja Teil meiner Kindheit gewesen, hatten sich in unserem Haus gestapelt. Umso mehr war ich überrascht, hier mir völlig unbekannte Texte vorzufinden zu Themen, von denen wir gar nicht wußten, dass sie ihn interessierten. Ich zeigte das Material Pete Seeger und meinem Bruder Arlo, und beide waren ebenso überrascht.

O-Ton 4 (Fortsetzung): Nora
So I really didn’t know what to do, and I called someone at the archives in the Library of Congress, and just asked them, maybe I should put them in plastic ... what would I do to take care of them? That was the beginning of the story... there was never any intention to create an archive, it is just an archive that grew out of the archived materials...

Voice-Over / Sprecher 1:
Ich wußte nicht, was ich als nächstes tun sollte. Also rief ich in der Kongressbibliothek an und erkundigte mich, wie man mit Archivmaterial überhaupt umgeht. Ja, das war der Beginn des Ganzen. Ich hatte nie die Absicht, ein Archiv einzurichten, das Archiv hat sich selbst geschaffen auf Grund des Materials.

Musik 3: Arlo Guthrie "Oklahoma Hills" (2:37)

Autor: (Über Musik)
Woody Guthrie wurde am 14. Juli 1912 im Hügelland östlich von Oklahoma City geboren. Arlo singt das Lied, das sein Vater seiner Heimat widmete. Oklahoma erlebte damals seinen ersten Öl-Boom. Über seinen Geburtsort Okemah schrieb Woody später:

Sprecher 2: (über Musik)
"Okemah ware eine der singensten, tanzensten, trinkensten, gellensten, predigensten, walzensten, plaudernsten, lachensten, weinensten, schießensten, faustkämpfensten, blutensten, spielensten, Gewehr, Prügel und Rasiermesser tragensten Stadt."

Autor: (über Musik)
Eine große Dürre suchte in den dreißiger Jahren den Westen heim, ein anhaltender Sandsturm folgte, die Wanderarbeiter zogen gen Westen, „Oakies“ wurden sie genannt, Woody sah sie, machte sich auch auf, die Straße wurde seine Universität, er trampte, wurde zum Hobo, der illegal auf Güterzügen mitfuhr; was er sah, schrieb er auf. Was er aufschrieb, sang er zur Gitarre. Seinem Freund, dem Volksmusikforscher Alan Lomax schickte er die Zeile:

Sprecher 2: (über Musik)
"All you can write is what you see"

Autor:
Woody wurde zum Chronisten seiner Zeit. In Los Angeles bekam er beim Radiosender KFVD eine eigene Sendung.

O-Ton 5: Nora
There is a wonderful story when he went to Los Angeles, and he sang an old minstrel song on the radio, and I think he used the word "Nigger", which is merely a phrase that he heard growing up, he never thought about it for one second, if it was good or bad or this or that, it was a term that he heard grown-ups use, so, as a child, that was the phrase he used. And the next day, he got a call from a black guy … “Mr. Guthrie, I wouldn’t be writing you If I knew I would be wasting my time, but you sound like a pretty good guy, and In want you to know that’s not really the right word to say. We are educated, I am an educated Afro-American man...

Voice Over / Sprecher 1:
Es gibt eine wunderbare Geschichte aus Woodys Zeit in Los Angeles. Er hatte damals seinen eigenen regelmäßigen Radio-Auftritt. Einmal sang er einen Spiritual und benützte in der Einführung das Wort Nigger, ohne viel darüber nachzudenken, es war ein Begriff, mit dem er aufgewachsen war. Am nächsten Tag fand er einen Brief im Studio vor. "Mr. Guthrie, ich würde Ihnen nicht schreiben, wenn ich wüsste, dass ich meine Zeit damit vergeude, aber Sie scheinen mir ein vernünftiger Typ zu sein, und drum will ich Ihnen sagen, dass Sie dieses Wort Nigger nicht mehr benutzen sollten, ich bin, wie viele meiner Landsleute, ein Afro-Amerikaner mit Schulbildung..."

O-Ton 5 (Fortsetzung): Nora
And Woody changed on a dime, a light bulb went off, and he went: Oh, my God, I never thought about it, I never realized. The next day he came back, he read the man’s letter on the air, and said, basically, you’ll never hear that word out of my mouth again, and took the letter and put it on front of the mike, as if telling the man: You got it! And tore the letter like chrchchchch into the microphone,

Voice Over / Sprecher 1:
Und Woody reagierte auf der Stelle, wie wenn man eine Lampe anknipst; er erkannte, dass er nie darüber nachgedacht hatte, aber darüber hätte nachdenken sollen. Tags drauf las er den Brief in seiner Live-Sendung vor, versprach seinen Hörern, dass er diesen Begriff nie mehr in den Mund nehmen werde und zerriss den Brief vor dem Mikrophon.

O-Ton 5 (Fortsetzung): Nora
I think it’s interesting that Woody was able to evolve, and he was able to change, he came from a life that was small-minded, actually, and there were actually lynchings of African-Americans quite near his home, as a child, and his father even participated in some degree, not in a lynching, but maybe as an observer, it's not really clear what role his father played, but anyway, here’s this guy, being indoctrinated like everybody else about black people, about Indians, Native –American Indians, etc. and for him to evolve out of that is also probably the most important thing because you can’t say: Oh, I was raised like this, I'm gonna stay like this, you cannot do that, you need to change; and Woody is also a wonderful example of someone who changed his mind.

Voice Over / Sprecher 1:
Es ist bemerkenswert, wie er sich entwickelt hat. Er kam ja aus kleinen, engstirnigen Verhältnissen, in der Nähe seines Elternhauses wurden Schwarze gehängt, und sein Vater, soviel weiß man, war als Zuschauer dabei, wie Menschen gelyncht wurden; und da ist dieser Junge und wächst in einem Milieu auf, in dem Schwarze und Indianer als minderwertig gelten. Daraus hat er sich befreit. Woody ist ein wunderbares Beispiel, wie ein Mensch seinen Kopf benützen und seine eigenen Gedanken denken kann.

Musik 4: Woody Guthrie "Hard Travellin'" (1:40)

Autor: (über Musik)
Im Blick hatte er immer die Waage der Gerechtigkeit; wenn sie schief hing, griff er zur Feder. Mit dem Pinsel illustrierte er gern seine Seiten, oft malte er auch Bildfolgen. Dann kamen Gitarre und Mundharmonika zum Einsatz. Die Musik baute er sich aus den Melodien, die das Volk kannte, um so die Zuhörer zum Mitsingen zu bewegen. Er besang das Amerika der Verlierer, der Verfolgten, der Unterdrückten und wurde zu deren Stimme. Er zählte sich zur Arbeiterbewegung und wurde zum Agitator. Den gerade entstehenden Gewerkschaften half er mit seinen Liedern, quer durch die Staaten. Tagebucheintrag von Sommer 1939:

Sprecher 2: (über Musik)
Ich habe einen Schwall von Worten in mir gehört, genug, um einige hundert Lieder und ebenso viele Bücher zu schreiben. Und ich weiß, dass diese Worte, die ich da höre, nicht mein Privatbesitz sind – ich habe sie von Euch geliehen ...meine Werkstatt ist der Gehsteig, die Straße, das Baumwollfeld, der Highway, die Hütten, in denen Ihr wohnt. Ich bin ein Fotograf ohne Kamera.

Autor:
Seine Wanderjahre beschrieb er in seiner Autobiografie "Bound for Glory", er war erst 31, als sie veröffentlicht wurde.

O-Ton 6, Nora:
And it’s a hard, hard, hard life. And I wouldn’t recommend it to anyone, in order to survive it, you need to be obsessed, otherwise it will kill you... my father had a very, very adventurous life, and it wasn’t all pleasant, as a matter of fact, it was mostly hard and very unpleasant, and very sad, the fact that he could end most of his songs with an idea, that we still can get there, we still can cross this river, no matter what’s happened, he lost his mother at an early age, he lost his sister to a fire, his father lost everything in the depression, he was in the war and had a really tough time, he lost Cathy, his daughter in a fire, and right after that he gets Huntington decease, sometimes you just wanna look up to God and say: Give the guy a break, just give 'm a break, ...don’t know how many people, musicians, writers, writing music could survive such an experience, or survive the temptation of comfort, I remember Allan Lomax told me once at my Dad’s house when he came over for dinner, and he was standing by the sink eating, and everybody was sitting down, and Allan said, Woody sit down at the table, and my Dad said: Oh, I don’t wanna get too comfortable.

Voice Over /Sprecher 1:
Das war ein hartes Leben. Ich kann niemandem empfehlen, es nachzumachen. Man muss besessen sein, sonst bringt es einen um. Mein Vater hatte ein sehr abenteuerliches Leben, das selten vergnüglich war, überwiegend war es hart und traurig. Und dennoch enden viele seiner Lieder mit einer Idee, mit einem Ausblick, das ist bewundernswert. Und Schicksalsschläge gab es genügend: Als Kind verlor er seine Mutter Nora-Bell, sie starb an der unheilbaren Krankheit Huntington Chorea, dann kam seine Schwester in einem Feuer ums Leben, sein Vater verlor in der Wirtschaftskrise sein gesamtes Hab und Gut, dann war Woody im Krieg, dann der Tod seiner Tochter durch einen Brand, und schließlich erkrankte er selbst an Huntigton Chorea. Man möchte zu Gott sagen: Komm, gib dem Mann mal Raum zum Luftholen. Ich weiß nicht, wie viele Musiker und Schriftsteller das durchhalten würden. Ich erinnere mich, wie Alan Lomax mir erzählte, dass sie zum Abendessen um den Tisch saßen, Woody aber mit dem Teller in der Hand neben dem Waschbecken stand. Auf die Aufforderung, doch Platz zu nehmen, sagte er: "Nein, Danke, ich möchte es mir nicht zu bequem machen."

Sprecher 2:
"Das Krächzen eines Unglücksraben, der aufgibt, werdet ihr von mir nicht hören. Ich werde alles dransetzen, mich von der Grube des Todes und der Schwermut fernzuhalten. Ich werde alles tun, um lebendig und streitbar zu bleiben!"

Autor:
Seine Streitbarkeit signalisierte Woody mit einer Aufschrift, die er all seinen Gitarren verpasste: This Machine kills Fashists! – Diese Maschine tötet Faschisten.

Strassengeräusch/ Zeitungsjunge/ Hupen von Oldtimern

Autor:
New York in den vierziger Jahren. Hier traf Woody nicht nur auf Pete Seeger und die Almanac Singers, sondern auch auf Moses Asch, den Gründer von FOLKWAYS RECORDS, dem ersten Schallplattenlabel, das Weltmusik und historische Dokumente in seinem Programm hatte. Moe, wie man Mr. Folkways in New York nannte, konnte kein Honorar zahlen, stellte aber Guthrie sein Studio zur Dauerbenutzung zur Verfügung und gab ihm den Auftrag, ein Album über die Verfolgung von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti aufzunehmen.

Die zwei Italiener hatten einen Streik organisiert: Sacco bei den Arbeitern der Schuhfabriken in Boston, Vancetti in den Seilfabriken in Plymouth. Beide wurden trotz zahlreicher Beweise ihrer Unschuld wegen Raub und Mord auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet...

Musik 5: Woody Guthrie "You Souls of Boston" (1:16)

Autor:
"You Souls of Boston" – aus dem 11-teiligen Zyklus. Songs wie diese waren richtungsweisend für Bob Dylan, für Songs wie "The Lonesome Death of Hattie Carroll" oder "Hurricane". (Musik, wieder hoch) In New York lernte Woody vor allem seine zweite Frau kennen, die jüdische Tänzerin Marjorie Greenblatt Mazia. Sie bekamen vier Kinder: Cathy, Arlo, Joady und Nora. Nach dem Verlust der dreijährigen Tochter Cathy schrieb er überwiegend Kinderlieder – Lieder, die heute immer wieder Künstler in ihr Repertoire holen, ob sie Bruce Springsteen oder Judy Collins heißen; letztere im Duett mit Arlo Guthrie.

Musik 6: Springsteen "Riding in my Car" (1:30)
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Musik 7: Judy Collins und Arlo Guthrie &auot;Riding in my Car" (0:57)

Autor:
Arlo Guthrie. Er wohnt heute in den Berkshires, einem hügeligen Landstrich im Westen von Massachusetts. Nahe dem Dorf Housatonic steht jene Kirche, die dem Film "Alice’s Restaurant" als Schauplatz diente. Arlo hat sie in den Achtziger Jahren gekauft und als "Bring Your Own God Church" eintragen lassen; er hat damit das Recht, Ehen zu schließen. Die Kirche ist ein beliebtes Begegnungszentrum, und dreimal im Jahr gibt Arlo dort ein Konzert, dessen Erlös zur Instandhaltung dient.

Oktober 2007, ein milder Herbsttag mit roten Ahornblättern. Ich bin kaum durch die Tür, meldet Arlo begeistert: "The Live Wires are out!". Ein Satz, hinter dem eine lange Geschichte steht: Seine Schwester Nora hatte 2001 zwei Schachteln mit vier Drahtspulen erhalten. Es handelte es sich um die Magnetdrähte eines Drahtspulenrekorders; diese Technik der "Wires" war nur kurz im Einsatz und wurde schon bald von Magnetbändern abgelöst. Die besagten Wires enthielten die Aufzeichnung eines Life-Konzerts im Dezember 1949 in Newark, New Jersey; Woodys Frau Marjorie moderierte den Abend. Mit viel High-Tec-Hebammenarbeit war aus den feinen Drähten eine CD entstanden, die im Herbst 2007 zum 40. Todestag veröffentlicht werden konnte.

Musik 8: Woody Guthrie "Quit sending your inspectors" (1:15)/ "Goodbye Centralia" (1:21)

Voice Over für Intro/ Sprecher 2:
Der Inspektor der Regierung hat das Kohlebergwerk Centralia in Illinois regelmäßig besucht und immer wieder angemerkt, dass die Situation im Schacht 5 gefährlich sei, dass die Gase und ein Streichholz irgendwann einmal eine Katastrophe herbei führen können. Der Minenbesitzer lachte nur, wenn er die Berichte las, und gab den Behörden folgende Antwort: "Wenn Sie aufhören, Ihre Inspektoren in meine Schächte zu schicken, dann werden Sie auch nicht so viele Mängel entdecken."

Autor:
Woody war 55 Jahre alt, als er am 3. Oktober 1967 im Creedmoor State Hospital im New Yorker Stadtteil Queens an der unheilbaren Nervenkrankheit Huntington Chorea starb; seine Asche wurde am Strand von Coney Island im Meer verstreut. Mit seinem Abgang trat eine neue Generation von Liedermachern auf die amerikanische Musikbühne. Wenige Wochen vor seinem Tod veröffentlichte sein Sohn Arlo sein erstes Album mit der humorvollen Ballade "Alice’s Restaurant", die zu einer Hymne gegen den Vietnamkrieg wurde. Wenn Arlo ins Krankenhaus ging, hatte er immer seine Gitarre dabei und spielte dem Vater, der nicht mehr sprechen konnte, seine Kompositionen vor.

Musik 9 (unter Text): Arlo Guthrie "Alice’s Restaurant" (0:25)

Autor:
Einmal, erzählt Arlo, wollte Marjorie Woody eine kleine Essiggurke in den Mund schieben; Woody verzog den Mund und drehte den Kopf zur Seite. Es war klar, was er sagen wollte: I don’t wanna pickle! Ich will keine Gurke! Und Arlo, dem Nonsense nie abgeneigt, ging heim und schrieb einen Song:

Musik 10 (unter Text, dann hoch): Arlo Guthrie "Motorcycle Song" ( 0:38 )

Autor:
Am Krankenbett hatte Woody noch einen anderen regelmäßigen Besucher. Er kam aus Minnesota, hieß Robert Allan Zimmerman, nannte sich Bob Dylan und war ein glühender Verehrer, der alle Lieder kannte und sie mit Okie-Akzent vortrug. Rückblickend sagt Dylan, er sei in jenen Jahren eine Art "Woody Guthrie Jukebox" gewesen.

O-Ton 7, Nora:
Bob was very patient, once he realized, how bad Woody was, he didn't know how bad he was until he saw him... I give him a lot of credit for sticking around, for staying around, a lot of people came and went, they couldn’t take it, he was so horrible to look at, so difficult to talk, you were not gonna sit for hours and have a long philosophical talk with Woody Guthrie at that point, and I think Bob thought: I just be here with him, he said, he would just become his servant actually, and he brought him cigarettes, that's all he wanted, cigarettes and to hear music, and Bob was willing to do that work, and that was very difficult in those days, and he brought him cigarettes.

Voice-Over / Sprecher 1:
Bob war ein sehr geduldiger Besucher. Er wusste ja anfangs nicht, wie schlecht es Woody ging und auf was er sich einlassen würde. Ich bin ihm sehr dankbar. Viele Leute kamen und gingen wieder, weil sie es nicht aushielten, Woody so abgezehrt zu sehen, man konnte ja nicht mit ihm reden. Bob aber sass einfach bei ihm und war wie ein Diener: Er brachte ihm Zigaretten und sang ihm seine eigenen Lieder vor.

O-Ton 7: Nora (Fortsetzung)
and sat with him, and tried to sing his songs to him, because my Dad at that point wasn't interested in hearing what every young singer songwriter was writing about. But even deeper than that he wanted to die knowing that he had left something behind that was worthwhile and the only way he could do that – again, because not all of his songs were recorded, he was in a terrible hospital situation, but he'd come home on the weekends, and all these young people would just come and sing Woody's songs to him. And that's what he loved: smoking cigarettes and hear Bob Dylan sing every song he had ever written.

Voice-Over / Sprecher 1:
Mein Vater war ja am Ende seines Lebens nicht mehr daran interessiert, was andere Singer/Songwriter von sich gaben. Ihm ging es allein um die Gewißheit, dass er etwas zurück ließ, das wert war, vererbt zu werden. Am Wochenende holten wir ihn meistens nach Hause, trotz seiner schrecklichen Verfassung, und das Haus war dann voll junger Leute und sie sangen seine Lieder. Und genau das tat auch Bob Dylan im Krankenhaus: sie rauchten Zigaretten und Bob sang Woodys Lieder.

Musik 11: Bob Dylan "Song to Woody" (2:40)

Autor:
Song to Woody – eine Verbeugung von Bob Dylan. Die Verbeugungen nehmen zu seit Nora die Schatztruhe der noch-nicht-gesungenen und ungehörten Lieder geöffnet hat.

O-Ton 8: Nora
Actually to date now we counted 3001 song lyrics, most of what Woody never recorded. And the reason being is: he didn’t have a lot of opportunity to record in his lifetime, he was only in the studio, ten , twenty days out of his whole life, he wasn't a recording artist, they didn't have this opportunity, folk-musicians in the 40s didn’t have the opportunities to record as they had in the 50s and 60s when they started to realize that folk music could be successful, businesswise that was after "The Weavers" and "Peter, Paul and Mary", Bob Dylan and all these other people.

Voice-Over / Sprecher 1:
Die Zahl der archivierten Liedertexte ist bis heute bei 3001 angelangt. Das meiste ist nicht aufgezeichnet, da früher die Möglichkeiten, ins Studio zu gehen, nicht so waren wie heute, Woody war vielleicht insgesamt zwanzig Tage in einem Studio. In den 50er und 60er Jahren änderte sich die Situation, Folkmusik schaffte es in die Hitlisten, dies verdanken wir Gruppen wie den "Weavers", "Peter, Paul and Mary" und Leuten wie Bob Dylan.

O-Ton 8: Nora (Fortsetzung)
At the time, at my father’s days, actually, he only had one record deal, for "Dustball Ballads" was the only record deal he ever had, after they sold 500 copies of the record, they send a letter to him, saying, that they would not reissue the record, there really wasn't an audience for it.... Interesting thing to me is: he kept writing no matter what, that’s really the thing. The fascinating story for me is: even after there was no record deal, no opportunity for him, that he kept writing over two thousand lyrics after the ones we know about.

Voice-Over / Sprecher 1:
Mein Vater hatte nur einen kommerziellen Plattenvertrag, das war für "Dustball Ballads", aber nachdem sich nur 500 Stück verkauften, schickte die Plattenfirma ihm einen Brief und teilte ihm mit, dass es für diese Art Musik nicht die ausreichende Zuhörerschaft gab und "Dustball Ballads" daher nicht mehr aufgelegt werde. Aber das hat Woody in seinem Schaffensdrang nicht beeinflusst. Er schrieb einfach weiter, verfasste Song um Song.

Autor:
Nora lag auf der Couch, es war das Jahr 1996, und sie grübelte. Sie war zur Hüterin des Familienschatzes geworden, und fühlte sich als Voyeur, als Kind, das durchs Schlüsselloch ins Schlafzimmer der Eltern schaut und die Eltern nackt sieht. Woody, der Agitator und Sänger für die Unterdrückten hatte nicht nur über den Arbeiterkampf geschrieben, nein, es gab neben vielen neuen Songs der Auflehnung auch Lieder, in denen es um Sex ging oder Baseball oder um fliegende Untertassen. Was nun? Wie geht man überhaupt mit einem Nachlass um? Gedichte waren es, schlummernde Poesie, die darauf wartete, wach geküsst zu werden. Doch wer soll sie wecken?

Musik 12 unter dem Text: Billy Bragg "New England" (1:25)

Nora lag auf der Couch und hörte Musik. Sie hörte Billy Bragg, einen Punkrocker aus England. Seine Songs handelten von Sex, Drogen, Rock ‘n‘ Roll, Politik. Das passte doch eigentlich zu Woody, dachte sich Nora und kontaktierte den linken Politsänger. Denn Woody war ja kein Komponist gewesen, seine Musik hatte er sich immer aus dem Volksgut geborgt und seinen Bedürfnissen angepasst. Wir wäre es, für Woodys Liedertexte neue Musik zu suchen. Die Idee war geboren. Billy Bragg fing sofort Feuer. Mit Noras Hilfe und der Band „Wilco“ nahm Billy Bragg inzwischen drei Alben mit dem Obertitel „Mermaid Avenue“ auf. 3520 Mermaid Avenue war die Adresse der Guthries von 1943 bis 1950 auf Coney Island im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Zu den ersten Liedern, die Bragg vertonte, gehörte die lustvolle Ode an den Filmstar Ingrid Bergmann.

Musik 13: Billy Bragg "Ingrid Bergmann" (1:50)

Autor:
Viele Namen gingen Nora durch den Kopf: Jay Farrar, Will Johnson, Anders Parker, Yim Yames, Blackfire, Tom Morello, Ani DiFranco, Lou Reed, Jackson Brown, Hans-Eckard Wenzel ... sie kontaktierte sie alle – und nie kam eine Absage. Alle kamen, um im Fundus der unbekannten Songs zu stöbern und mitzunehmen, was ihnen gefiel. Nicht nur Songtexte gab es da: Woody, der Autor, von vier Büchern hatte auch Essays und zeitkritische Betrachtungen hinterlassen.

Lou Reed, einst Mitglied der legendären Band "Velvet Underground", baute für den Prosatext "The Dept I Owe" – Die Schulden, die ich habe – eine tönende Kulisse:

Musik 14: Lou Reed "The Dept I Owe" (1:15)

Autor:
In seinem Vorwort zu dem Woody-Guthrie-Lesebuch "Hard Travelin'" gibt Lou Reed auch seine Wertschätzung zum Ausdruck.

O-Ton 9: Lou Reed
I was startled to hear Woody Guthrie quoted in a new Gus Van Sant film the other night.  "Some rob you with a six gun, and some with a fountain pen" was the line and it certainly echoed the feeling of many this post corporate responsibility year.  They might also have enjoyed "as through this life you travel, and through this life you roam, you won't never see an outlaw, drive a family from their home" once again from Pretty Boy Floyd.

Voice Over/ Sprecher 2:
Völlig unerwartet hörte ich kürzlich in einem neuen Film von Gus Van Sant ein Woody-Guthrie-Zitat. Die Zeile lautete: "Manche Leute rauben dich mit dem Revolver aus, andere mit einem Füllfederhalter". In einem Jahr das davon geprägt ist, dass sich die großen Konzerne geballt aus der Verantwortung stehlen, spiegelt dieser Satz wohl die Gefühle vieler wider. Dazu passt: "Wohin du auch kommst, wie du durchs Leben gehst, nie wirst du erleben, dass ein Outlaw eine Familie von Haus und Hof vertreibt" – ebenfalls aus dem Song "Pretty Boy Floyd."

Musik 15: Woody Guthrie "Pretty Boy Floyd" ( 0:45)

O-Ton 9: Lou Reed (Fortsetzung)
In the constant evolution of American music certain titans rest as centering points &ndash, points from which others take off as the churning potpourri of influences churns and boils through the fingers and voices of those possessed by the mystic musical muse. (...) Recording one of these pieces one realized how contemporary Woody Guthrie remains- a three chord picker with a poets brain- the sensitivity to vocalize the anthems, themes and fantasies of those that he met saw or conjured.

Voice Over/ Sprecher 2:
In der sich ständig fortentwickelnden amerikanischen Musik gibt es eine Handvoll "Giganten", die wie Fixpunkte sind – Fixpunkte und Ausgangspunkte für andere Musiker in jenem wilden Potpourri inspirierender Einflüsse, das den Fingern und Stimmen jener entspringt, die von der mystischen musikalischen Muse besessen sind. (...) Wenn man ein Stück von ihm aufnimmt, wird einem erst bewußt, wie zeitgenössisch Woody Guthrie noch immer ist: ein Gitarrenpicker mit drei Akkorden, aber mit den Gedanken eines Dichters und der nötigen Empfindsamkeit, um die Hymnen, Geschichten und Träume der Menschen, denen er begegnete oder die er erfand, in Worte zu fassen.

O-Ton 9: Lou Reed (Fortsetzung)
(...)It is always a privilege to be afforded entry into the interior creative library within the artists mind – the room in his/her mind where the creative explorations take place before the intrusion of logic.

Voice Over/ Sprecher 2:
Es ist ein besonderes Privileg, Zugang zu der schöpferischen Bibliothek im Kopf eines Künstlers gewährt zu bekommen, jenem Ort, an dem die kreativen Entdeckungsreisen stattfinden, bevor das logische Denken eingreift.

Musik 16: Sihasin "Mean Things" (1:45)

Autor: (über Musik)
Means Things – Abscheuliche Dinge. Janeda Benally und ihr Bruder Clayson aus Arizona interpretieren den Protest-Song aus Woody Nachlass. Das Duo nennt sich "Sihasin", in der Sprache der Navajo "Hoffnung"; Janeda und Clayson singen und spielen auch in der indianischen Rockband "Blackfire". Als Musiker politisch aktiv zu sein, ist für sie selbstverständlich. Jeder Bühnenauftritt ist für die beiden Navajo ein Hilferuf zur Rettung der San Francisco Peaks, der heiligen Berge ihres Stammes, auf deren Gipfeln ein Ski-Ressort mit Kunstschnee aus Abwasser geplant ist. Für Woody, der mit indianischer Musik aufwuchs, schließt sich hier ein Kreis. Seit Ende Mai ist "Sihasin" auf Europa-Tournee, mit zahlreichen Auftritten auf Gedenk-Veranstaltungen für Woody Guthrie.

O-Ton 10: Janita und Clayson Benally
Janita: I feel like if Woody Guthrie would be alive today, we would be able to relate to each other so well, because we fight for the same struggles, we fight for justice, for the same issues. When we first started playing this song, we really felt that goes to Woody Guthrie with us, the strangest things would happen that had never happened before, such as pictures falling off the wall for no reason, things gliding across the table for no reason, haha, and we thought: this is the right song we are supposed to be doing – we’re getting the right signs.

Voice-Over / Sprecher 1:
Wenn Woody noch am Leben wäre, hätten wir uns viel zu sagen, denn wir kämpfen den gleichen Kampf für Gerechtigkeit, den auch er führte, seine Themen sind auch unsere Themen. Als wir "Mean Things" das erste Mal spielten, fühlten wir uns Woody sehr nah. Und dann passierten die seltsamsten Dinge: Bilder fielen von der Wand und Sachen glitten über den Tisch, sobald wir den Song spielten. Das waren Zeichen der Bestätigung für uns.

O-Ton 10: Janeda und Clayson Benally (Fortsetzung) Clayson: If you think of the Term "mean things happening in this world", obviously as indigenous people we are still being impacted from the racist policies that have been emplaced from the United States that were first to assimilate, eradicate, commit genocide against our people, and today our sacred sites are still being desecrated. We have a mountain, the San Francisco Peaks, it is a very sacred site, it’s a holy mountain , it's the place of origin for so many tribes, 22 tribes, 13 tribes hold it as their Adam-and-Eve-story, place of creation and origin and we have been fighting to protect it and the courts have rules against us. Not a lot has changed from Woody Guthrie’s era – the fights for human rights, for workers rights, for feminine rights, for indigenous rights, migrants, all of these are so interconnected for us, you know, we see it as just part of life, you know, if you have a heart, you care what's happening in your community you have to speak out against these injustices, these mean things that are happening in this world.

Voice-Over / Sprecher 2:
Der Text "mean things happening in this world" passt auf uns, bis heute leiden wir als indigene Völker unter der rassistischen Politik der Vereinigten Staaten, die mit einem Völkermord gegen uns Ureinwohner begonnen hat. Heute kämpfen wir gegen die Entweihung unserer heiligen Stätten. Wir haben ein heiliges Bergmassiv, die San Francisco Peaks, sie sind für 22 Stämme heilig, für 13 Stämme sind sie der Ort ihres Ursprungs, entsprechend dem Paradies von Adam und Eva. Wir haben für die Erhaltung des Berges gekämpft, aber die Gerichte haben sich gegen uns ausgesprochen. Es hat sich also nicht viel verändert seit Woodys Zeiten. Der Kampf für Menschenrechte, Frauenrechte, Arbeiterrechte, die Rechte der indigenen Völker, der Migranten, für uns ist das alles miteinander verbunden, Teil des Lebens, wenn dir deine Gemeinschaft am Herzen liegt, dann musst du das Wort erheben gegen die abscheulichen Dinge, die in der Welt geschehen.

Musik 17: Arlo Guthrie & Wenzel "Ninety Mile Wind / Neunzig Meilen Orkan" (2:50)

Autor:
Arlo Guthrie singt mit Hans-Eckard Wenzel 2010 auf der Wartburg. Wenzel, der Singer/Songwriter/Theaterregisseur aus der ehemaligen DDR hat unbekannte Woody-Songs ins Deutsche übertragen.

O-Ton 11: Wenzel
Nora hat mich in nem Konzert mit Billy Bragg erlebt, (...) ihr hat meine Art, zu singen und zu denken gefallen, es hat sie an ihren Vater erinnert, und sie hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ins Archiv zu kommen, und dort zu arbeiten und unveröffentlichte Sachen zu finden und zu übersetzen, oder zu vertonen, (...) Und ich bin sehr unvoreingenommen hin und war dann nach dem ersten Tag völlig überwältigt vom Material und die Art, wie er geschrieben hat, mit welcher Spielfreude er also auch die Manuskriptseiten am Ende immer mit so nem Druckersymbol beschrieben hat und noch’n Kringel drauf, noch was drauf gemalt, man sah richtig, wie er sich gefreut hat, dass er das Lied fertig hatte. Und da ist er mir unglaublich nahe gekommen, weil ich ähnlich arbeite, und habe dann ne ganze Menge rausgesucht und dann sie vertont und dann übersetzt ins Deutsche. Ich dachte mir, ich muss so nah wie möglich dran bleiben, wenn ich jetzt schon ne neue Musik mache, und ich hab auch nicht versucht, zu tun als ob ich amerikanische Wurzeln hätte, ich habe versucht, das zusammen zu bringen, was meine Tradition ist, das ist das deutsche Volkslied, das ist das deutsche Kunstlied, Schubert, das ist Brecht, die Kabarettsongs, und das, was ich an neuer Musikerfahrung habe. Ich habe versucht, das so reich wie möglich zu machen, und ich merkte, dass ich an diesen Texten auch musikalisch weiter gekommen bin, also dass auf einmal viel kühner komponieren konnte, als meine eigenen Sachen.

Autor:
Das Symposium am Einstein Forum ist zu Ende. Wenzel gab dem Programm einen klingenden Schlusspunkt. Als die Nacht den Tag ablöst und Wein entkorkt wird, werden die Gespräche leichter und privater. Nora Guthrie setzt sich mitten im Interview neben Wenzel:

O-Ton 12: Nora
This is Nora Guthrie kissing Wenzel (Wenzel: Thank you)

Autor:
Und wenn von Übervätern und Vätern die Rede ist, dann muss früher oder später auch die Rede sein von den Müttern, den Frauen der Väter.

O-Ton 13: Nora
I am thinking of all the women who make the men do those things, Bob Dylan wrote his anti-war songs because Joan Baez who he was dating at the time, made him, she made him ashame, Bob, you gotta write this, you gotta…you know, she was very forceful, as soon as they broke up, he stopped writing … my mother made my father write all these songs and all of his books, she sat him down and said, write this today and that tomorrow, so many people, Pete Seeger was only able to do what he did because, Toshi said, I’ll take care of everything and you go out and do what you do, without Toshi there would be no Pete, so ... at one point I wanted to write a story about the women, that allow the men to become the icons...

Voice-Over / Sprecher 1:
Wenn ich an all die Frauen denke, die hinter den Männern stehen. Bob Dylan schrieb seine Antikriegslieder, weil seine damalige Freundin Joan Baez ihn dazu gedrängt hat. Als die Beziehung auseinander ging, hat er ja auch aufgehört, diese Lieder zu schreiben . Bei meinem Vater hat auch meine Mutter dafür gesorgt, dass das Schreiben der Lieder und Bücher klappte. Pete Seeger konnte nur tun, was er tat, weil Toshi ihm sagte, sie werde sich um Kinder und Haushalt und die ganze Organisation kümmern, damit er seine Mission erfüllen kann. Ich war schon so weit, dass ich eine Geschichte über die Frauen schreiben wollte, die es ermöglichten, dass ihre Männer zu Ikonen wurden.

O-Ton 13 Nora (Fortsetzung):
I remember Toshi Seeger telling me, like, Pete didn’t know anything about Politics, she educated him, she was handing out leaflets on the streets ... organizing .... She lived in New York, her parents were artists, Japanese, they were interned, during the war, intern camps, they send all the Japanese to, and she became very radicalized and came out of the camps ... ate a very young age, 16 , 17, progressive, socialist and she really educated Pete about politics, other than that he was just into the banjo, like good, old-time folk music, she is the one who really politicized him. And I thought, boy, I am sick of hearing all this stories about Pete, Dylan, dadada, and even Woody like ... none of them would have been who they are if it wasn’t for the women who were really mother figures to them ...

Voice-Over / Sprecher 1:
Einmal hat mir Toshi Seeger erzählt, dass Pete in jungen Jahren wenig von Politik verstand; sie war es, die ihn politisierte. Sie war seit ihrer Jugend eine politische Frau, ständig verteilte sie Flugblätter auf den Straßen. Ihre Eltern waren Künstler und wegen des 2. Weltkriegs sperrten die amerikanische Regierung sie in ein japanisches Internierungslager. Das radikalisierte Toshi, schon mit 16 nannte sie sich eine Sozialistin. Sie öffnete Petes Augen, der bis dahin nur am Banjo und der guten, reinen Folk Music interessiert war. Und ich dachte mir, jetzt reicht es, all diesen Geschichten über Pete und Dylan, und eben auch Woody. Keiner dieser Musiker wäre zu dem geworden, was er wurde, wenn es diese Frauen nicht gegeben hätte – Frauen, die eigentlich Mutterrollen hatten.

Autor:
Familiengeschichten. Woody und seine Kinder. Arlo singt unvertonte Texte seines Vaters zur Musik von Wenzel. So wächst die Familie. Und was machen eigentlich die Enkel? Singen können sie ja alle, jedes Jahr tritt Arlo mit seiner Verwandtschaft in der New Yorker Carnegie Hall auf. Eine Enkelin sei hier vorgestellt: Cathy Guthrie. Zusammen mit ihrer Freundin Amy, der Tochter des Country-Barden Willie Nelson, hat sie das Duo „Folk Uke“ gegründet, zwei Alben gibt es bereits. Gern kratzen die beiden an amerikanischen Tabus, singen Wörter, die man nicht singen darf, Wörter, die mit F oder S beginnen. Woodys Gene schimmern durch. "Shit makes the Flowers grow" – Scheiße läßt die Blumen wachsen.

Musik 18: Folk Uke "Shit, makes the flowers grow" (1:04)

Was Woodys Kinder vereint, ist unter anderem die Nähe zur Friedensbewegung, zur Occupy-Bewegung, zur Anti-Atom-Bewegung. Es erstaunt nicht, dass der 2011 veröffentliche Dokumentarfilm "Yellow Cake" von Joachim Tschirner Wenzel zum Erzähler hat. Yellow Cake ist die offizielle Bezeichnung für Uranoxid, die Form, in der Uran weltweit gehandelt wird. Der Film beginnt mit den Aufräumarbeiten der radioaktiven Hinterlassenschaft der DDR-Mine Wismut, die Jahrzehnte für Moskau Uran gefördert hat. Am eingeatmeten Uranstaub sterben bis heute dort die Menschen; wie auch in Kanada, in Australien, in Nordafrika. Der Film "Yellow Cake" besucht diese Schauplätze – und dazu singt Wenzel ein selbst vertontes und übersetztes Woody-Guthrie-Lied.

O-Ton 14: Filmkommentar "Yellow Cake" / Wenzel "Alle 100 Jahr" (Blende)

Woody hatte wahrscheinlich ein Lied für die Kleinen im Sinn, dachte an die Kinder, die sich nicht waschen wollen. Wenzel hat mit den Bildern des Uranabbaus daraus ein Lied für die Großen gemacht, die nicht erwachsen werden und nicht glauben wollen, dass man Radioaktivität nicht abwaschen kann.

Musik 19: Wenzel und Nora "Alle 100 Jahr" (2:00)

Absage über Musik:
Das war:
Woody und seine Kinder –
Zum 100. Geburtstag von Woody Guthrie, dem Übervater des American Folk
Die Sprecher waren Sabine Kastius und Gert Heidenreich
Ton und Technik: Cordula Wanschura
Manuskript und Regie: Claus Biegert
Redaktion: Dieter Hess

O-Ton 15: Pete Seeger (ohne Voice-over)
Haha, Woody Guthrie, he’d be down there, singing, I guess, making up new songs every day, about the kids he saw, about the old folks he saw, and wondering what the bankers were thinking looking out of their windows.