Gesendet am 15.08.10 in der Sendung AULA von SWR 2

Strahlende Sprache

Kontrollbereich

Kontrollbereich


Verschlüsselt, verdeckt, verharmlosend, irreführend, übertreibend – kaum war die Kernspaltung gelungen, nahm sie von der Sprache Gebrauch und stellte sie von nun an in ihren Dienst. Mit Enrico Fermi ging es los. Der Physiker aus Rom hatte 1938 den Nobelpreis erhalten und war danach mit seiner Familie in die USA emigiriert; Fermis Frau war Jüdin, und im faschistischen Italien hatte Benito Mussolini den Anti-Semitismus in Gesetzen verankert. Im Dezember 1942 baute Fermi unter den Rängen des Stagg Field Stadiums der University of Chicago seinen "pile" – Haufen – auf, so nannte er den kleinen Uran-Graphit-Reaktor. Vorher war bereits der Wortwechsel festgelegt worden, mit dem das Gelingen – oder Misslingen – der ersten Kettenreaktion in den exklusiven Zirkeln von Militär und Wissenschaft kommuniziert werden sollte.

Nach dem Versuch ließ Fermi seinen Kollegen Arthur Compton, ebenfalls Nobelpreisträger in Physik, den Präsidenten der Harvard University, James Conant, anrufen.

Als die Verbindung zustande kam, sagte Compton: "Der italienische Seefahrer hat die Neue Welt erreicht."

"Wie verhielten sich die Ureinwohner?" fragte Conant.

"Sehr freundlich", lautete die Antwort aus Chicago.

"Sehr freundlich" bedeutete: Die Kettenreaktion war gelungen.

Freundlich reagierten auch die Tewa-Indianer der Pueblo-Dörfer Santa Clara und San Ildefonso in den Jemez Mountains in Norden des Staates New Mexico, als bald darauf die Wissenschaftler des "Manhattan Project" auf ihrem Land die Los Alamos National Laboratories errichteten. "Manhattan" bezog sich auf den New Yorker Stadtteil, in dem der Plan, eine Atombombe zu bauen in Angriff genommen worden war. Präsident Roosevelt hatte die Order gegeben, nachdem Albert Einstein ihn auf die Gefahr einer Atombombe der Nazis hingewiesen hatte. Los Alamos existierte auf keiner Landkarte, die Anschrift war das Postfach 1663 in der Kleinstadt Santa Fe. Der Status der Elite, der mit der geheimen Mission einherging, entschädigte die Ingenieure und Wissenschaftler mit ihren Familien für das Leben in der Isolation.

Im Sommer 1945 war es dann soweit: In der Wüste White Sands, drei Autostunden südlich von Los Alamos, wurde die erste Atombombe gezündet; sie trug den Namen "Trinity" – Dreifaltigkeit. Was ließ den Atomphysiker und Kopf des "Manhattan Project", Robert Oppenheimer, aus dem Wortschatz des Göttlichen schöpfen? Spürte er bei der Gewaltigkeit des Unterfangens die Nähe zu den höheren Mächten? Als dann am 16. Juli 1945 der erste Atompilz im Morgengrauen zum Himmel wuchs, musste er, so bekannte Oppenheimer später, an das Hindu-Epos "Bhagavadgita" denken, an den Gott Vishnu, der da sagt: "Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten."

Die Assoziation lässt sich gut verstehen, wenn man in Betracht zieht, dass die Verantwortlichen des "Manhattan Project" mangels Erfahrung fürchteten, die Explosion könnte die Erdatmosphäre in Brand setzen. Sie waren sich nicht sicher und taten es trotzdem. Auch Enrico Fermi wusste nicht, ob seine Berechnungen einen Unfall ausschlossen; eine Verseuchung von Chicago stand auf dem Spiel.

Es ist, als hätten die Wissenschaftler damals den moralischen Code geliefert für die künftige Arbeitsmethode in den Laboren weltweit: erst erproben, dann prüfen.

Erprobt wurde mit der neuen Waffe auch das Modell, das uns heute als "embedded journalism" bekannt ist: Eine handverlesene Gruppe von Meinungsmachern, die sich selbst "Wisemen" nannte, wurde vom Pentagon ins Vertrauen gezogen und um Rat gebeten, wie die Entwicklung der Atombombe der Öffentlichkeit nahe gebracht werden könne. Man traf sich im University Club in Manhattan und kam überein, einen einzigen, so genannten "Pool Reporter" zuzulassen, dessen Berichte dann die Grundlage für alle anderen Korrespondenten liefern sollte. Die Wahl fiel auf den New York Times-Reporter Bill Lawrence; er war auch für die Bombenabwürfe in Japan verantwortlich.

Nach Trinity konnten die Namen nur noch banal ausfallen: die Bombe für Hiroshima nannte man Little Boy, die für Nagasaki Fat Man. Kleiner Junge und Dicker Mann. Die Skala der amerikanischen Testbomben in den folgenden Jahrzehnten klingt wie das Stakkato einer Hitliste aus dem Radio. Tödliche Strahlung, von Sprache ummantelt: Bravo, King, Sugar, Priscilla, Zucchini, Sunset, Climax, Hornet, Smoky, Easy, X-Ray, Starfish Prime, Cactus, Mike; sogar an die indianischen Bewohner des Landes wurde erinnert: Huron, Seminole, Sequoia, Mohawk, Zuni, Aztec, Cherokee, Apache.

Das Arsenal der Zerstörung wuchs und gleichzeitig Wohlstand, Hybris und Frivolität. Nur wenige Tage nach der Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki kündigten diverse Nachtclubs in Los Angeles ihre Stripper-Girls als "Atomic Bomb Dancers" an, die Barkeeper mixten "Atomic Cocktails", und es dauerte nur zwei Wochen, bis ein Juwelierladen in New York City Anstecknadeln und Ohrringe als "atomic inspired" anbot; sie zu tragen, so war im Schaufenster zu lesen, sei "so wagemutig wie der Abwurf der ersten Atombombe". Hollywood gab im September 1945 seinem Starlet Linda Christians den Beinamen "Anatomic Bomb" und Life-Magazine nahm die Unbekannte mit einem Busenbild auf den Titel. Die Sex-Bombe war geboren. In den Fünfziger Jahren ging es so weiter: Die Hotels von Las Vegas veranstalteten jedes Jahr Schönheitswettbewerbe zur "Miss Atomic Bomb". Der schwedischen Schauspielerin Anita Ekberg attestieren die Illustrierten einen "Atombusen". Und als Elvis Presley sein Debut in der Casino-Metropole gab, wurde er als "The Atomic Powered Singer" angekündigt. Jeder nahm sich, was er brauchte; selbst die Gottesfürchtigen bedienten sich und aktualisierten das Jüngste Gericht; ein gängiger Gospel der frühen 50er Jahre hieß "Jesus hits like an Atomic Bomb". Das erste Atom-U-Boot der US-Marine hieß "Corpus Christi".

Die Atomindustrie fand ihren Fürsprecher in Präsident Dwight Eisenhower, der 1953 in einer legendären Rede vor den Vereinten Nationen den Slogan Atoms for Peace in die Welt setzte – bis heute sprechen wir von der friedlichen Nutzung der Atomkraft, die schon bald als Kernkraft präsentiert wurde, um sie von der Bombe zu distanzieren, Walt Disney übernahm in den USA den Job der Volksbildung und kreierte in seinen Trickfilmstudios The Friendly Atom, ein magisches Teilchen, das dem Menschen dienstbar war. In den siebziger Jahren steuerte die Industrie ihre eigenen Comics bei: "Atom, die Elektrizität und du" von der Commonwealth Edison Company, "Nur für reife Leser" von Westinghouse, "Micky Maus und Goofy lernen alles über Energie" von Exxon, "Die Geschichte der Elektrizität" von der Florida Power and Light Corporation, "Der Kampf ums Überleben – Der Kampf gegen die Umweltverschmutzung" von Virginia Electric and Power. Kamen ablehnende Stimmen aus der Bevölkerung, wurden Ärzte zu Rate gezogen; sie bescheinigten den Atom-Kritikern dann Symptome einer neuen Krankheit: Radiophobia – eine Strahlungspsychose.

Während in Nordamerika der Uran-Boom einem Rausch glich und im Alltag seine Spur hinterließ (das Uranium Cafe in Grants, New Mexico, ist immer noch in Betrieb), war man in der Sowjetunion vorsichtig: Uran für Moskau wurde verschleiert; die größte Mine, auf DDR-Boden gelegen, trug im Namen, was man offiziell vorgab, abzubauen: das Schwermetall Wismut. In ihren Prognosen für ein Leben mit dem Atom waren die Sowjets den Amerikanern ebenbürtig. "Wir machen Berge dem Erdboden gleich, bringen Wasser in die Wüste und schlagen Schneissen durch den Dschungel. Wir bringen Leben, Glück und Wohlstand an Orte, auf die noch kein Mensch seinen Fuß gesetzt hat." So schwärmte Wladimir Wischinski, der Verantwortliche des sowjetischen Atomprogramms.

Die BRD hatte in dieser Zeit ihren ersten Minister für Atomfragen, Franz-Josef Strauß, der es als seine Mission betrachtete, die – so wörtlich - "lichte Seite der Atomkraft" den Menschen näher zu bringen und sich dafür einsetzte, das "bessere Atombild" in die Schulen zu bringen.

Die Fünfziger Jahre sind die Jahre der frühen Verheißungen:

Karl Jaspers 1958: "Die Chance ist ungeheuer: Während die Atombombe verschwindet, würde die Atomenergie ein neues Zeitalter der Arbeit und Wirtschaft herbeiführen… wenn das Atom nicht die Vernichtung bringt, stellt es das gesamte Dasein auf neuen Grund."

Ernst Bloch: Prinzip Hoffnung 1959: "Wie die Kettenreaktionen auf der Sonne uns Wärme, Licht und Leben bringen, so schafft die Atomenergie, in anderer Maschinerie als der Bombe, in der vblauen Atmosphäre des Friedens, aus Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling machen kann. Einige hundert Pfund Uranium und Thorium reichen aus, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln."

Godesberger Grundsatzprogramm der SPD 1959, Präambel: "...die Hoffnung dieser Zeit, dass der Mensch im atomaren Zeitalter sein Leben erleichtern, von Sorgen befreien und Wohlstand für alle schaffen kann, wenn er seine täglich wachsende Macht über die Naturkräfte nur für friedliche Zwecke einsetzt."

Als die US-Air Force ein Gerät entwickelte, mit dem sich Atomtests der Sowjets atmosphärisch feststellen ließen, setzte sie zum Test der neuen Technologie selbst radioaktive Substanzen frei. Das heimliche Manöver im Dezember 1949 trug den Decknamen Green Run – Grüner Lauf. Heute ist die Farbe Grün eine politische, und es wundert nicht, dass beim Atomstrom die Stromerzeuger der Vereinigten Staaten seit Beginn des 21. Jahrhunderts vereint von der Green Energy sprechen. Verschleierung gehörte zum Metier. Von dem ehemaligen US-Innenminister Stewart Udall ist folgendes Zutat überliefert: "Die Täuschungen und Lügen, mit denen unsere Regierung die Atomindustrie geschützt hat, sind einmalig in der Geschichte der USA. Unsere Regierung hat eine Industrie geschützt, die sich von nichts und niemandem aufhalten ließ, und die bereit war, unsere eigenen Leute zu opfern."

Erstaunlich ehrlich ist dagegen die Information auf dem Heldenfriedhof von Arlington; an einem Grabstein aus dem Jahr 1957 hängt eine Plakette mit der Inschrift: "Opfer eines Atomunfalls. Der Leichnam ist mit langlebigen radioaktiven Isotopen kontaminiert und darf unter keinen Umständen ohne Erlaubnis der Atomic Energy Commission von dieser Stätte entfernt werden." In dem Grab liegt ein Techniker aus dem Versuchsreaktor SL-1 im Bundesstaat Idaho.

In Deutschland hatte die Atomindustrie 1959 mit Gründung des gemeinnützigen Deutschen Atomforums e.V. ihre eigene PR-Agentur etabliert. Als das Atomforum am 1. Juli 2009, im Beisein von Gratulantin und Bundeskanzlerin Angelika Merkel, sein 50. Jubiläum feierte, bescheinigte Umweltminister Sigmar Gabriel dem Branchenverband eine "sinnlose Existenz" und ein "halbes Jahrhundert Lug und Trug". Das Forum, so der SPD-Politiker wörtlich, habe "keinen Propagandatrick und erst recht keine Kosten gescheut, den Deutschen die Atomkraft schmackhaft zu machen." Claudia Roth, Parteivorsitzende der Grünen, stufte den Verein gar unter die "gemeingefährlichen Lobbyverbände Deutschlands" ein. Im Atomforum selbst schüttelte man die "schrille und überzogene" Kritik ab. Zufrieden ist man dafür mit der letzten flächendeckenden Kampagne "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer". Als Anzeigen und in einem kostenlosen Büchlein wurden die AKWs ins rechte Licht gesetzt, mit Schafen, Schrebergärtnern, Rübenbauern, Freibadenden im Vordergrund. Inzwischen wird das Argument "Kernkraft als Klimaschutz" international gehandelt, obgleich es keiner seriösen Prüfung standhält. Ist ein Zusammenhang erst einmal in der Sprache verankert, verblasst die Lüge, die ihm innewohnt.

Wie eng das Verhältnis von Stromversorgern und PR-Agenturen ist, zeigt ein über 100 Seiten starkes Strategiepapier, mit dem sich die Unternehmensberatung PRGS bei E.on bewerben wollte; die Firma hat Büros in Berlin, München, Brüssel, London und Washington. Das Dokument kam 2009 durch eine undichte Stelle an die Öffentlichkeit. Man rät darin den Atomstromversorgern, sich ein Öko-Image zuzulegen. Erfolgreich sei eine Pro-Atom-Strategie dann, wenn "beharrlich mit dem Argument Klimaschutz und Versorgungssicherheit" der Schulterschluss zwischen Kernkraft und erneuerbaren Energien betont werde. PRGS schlägt auch eine eigene Atomkraftstudie vor, die man dann gezielt im Fernsehen platzieren werde. Empfohlen werden die Sendungen "Abenteuer Wissen" (ZDF) und "Galileo" (ProSieben). Zitat von Seite 93: "Politiker bevorzugen wie Journalisten quellenbasiertes Informationsmaterial, das die Neutralität der Information suggeriert."

Geht es um radioaktiven Abfall, dessen Halbwertzeiten menschliches Zeitgefühl sprengen, dann ist von Entsorgung die Rede. Aus dem Weg geräumt wird mit derartiger Wortwahl vor allem die Sorge. Wer sich Sorgen macht, dem wird gern eine Atompsychose bescheinigt. Nach einer Betriebsstörung – aus einer solchen kann der größte anzunehmende Unfall GAU werden – wird der Werbeetat erhöht. Nach dem im März 1979 die Kontrollsystems des Reaktors Three Mile Island im US-Staat Pennsylvania versagten und die Nachrichten nur in Portionen nach draußen drangen, kam es zu einem Massenflucht der Bevölkerung. Dem verlorenen Vertrauen in die Atomkraft versuchte die Industrie danach mit einem Dollareinsatz in Millionenhöhe zu begegnen. Anzeigen wurden in Frauenzeitschriften geschaltet und kostenlose Videos mit Experten-Interviews an die Fernsehsender verteilt. Am 18. Oktober 1979, dem offiziellen Aufklärungstag der Atomenergie, gab es quer durch die Staaten über 1000 Veranstaltungen, darunter auch einen Brunch in Washington. D.C. für die Ehefrauen der Kongressabgeordneten. Als die Schauspielerin Jane Fonda und ihr Mann Tom Hayden auf eine Anti-Atom-Tour gingen, schickte ihnen die Atomindustrie – " als Wahrheitskommando" – zwei Atomingenieure hinterher, die die Argumente der Aktivisten zerpflücken sollten.

Uranoxyd, das in den Handel kommt, heißt weltweit Yellow Cake – Gelber Kuchen. Kein Signal der Vorsicht geht hiervon aus. Keine Assoziation zu den Menschenrechts-verletzungen und der Naturzerstörung bei der Gewinnung des Rohstoffs kommt hier auf. Das abgereicherte Uran, das bei der Aufbereitung für die Reaktortauglichkeit abfällt, gilt nicht als Atommüll, sondern wird als Wertstoff eingestuft, da mit ihm panzerbrechende Munition produziert wird. Obgleich es die Kriegsschauplätze der Erde radioaktiv verseucht, fällt es nicht unter die Aufsicht des Schaltzentrale unserer nuklearen Gesellschaft: der International Atomic Energy Agency, kurz IAEA, in Wien. Sie wurde 1957 ins Leben gerufen, mit dem Mandat, radioaktive Spaltprodukte auf der Erde zu kontrollieren und die Verbreitung von Atomenergie voranzutreiben. Nicht umsonst die, überraschend ehrliche Bezeichnung "Agentur". Im Deutschen wurde daraus die IAEO: Internationale Atomenergieorganisation. Die IAEA kontrolliert sämtliche Veröffentlichungen der Weltgesundheitsorganisation WHO: wenn Zahlen und Worte der Agentur nicht gefallen, werden sie auf Nukespeak getrimmt, analog zu George Orwells futuristischem NEWSPEAK in seinem Klassiker 1984. Widerspruch kann die WHO nicht einlegen, ein Vertrag von 1959 bindet sie an die Zensur. Mediziner wissen, dass sich Berichte der WHO, wenn es um radioaktive Strahlung geht, nicht als zuverlässig einstufen lassen.

Die Bundesrepublik Deutschland hat, wie eine Anfrage der Grünen beim Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2009 offenbarte, bis heute 664,6 Millionen Euro an die IAEA gezahlt. In Anbetracht der bedrohlichen Lage im deutschen Zwischenlager Asse II vermutlich nicht für die Überwachung von strahlenden Substanzen, sondern für die Verbreitung deutscher Nukleartechnologie.

Bei Asse II endet die Macht der Sprache. Hier liegen Fässer mit Plutonium vergraben; der Salzstock inzwischen von eindringendem Wasser in seiner Standfestigkeit erschüttert wird. Wir lesen dann vom "Erstickungstod für die Kernenergie" – wenn die Atomindustrie über strengere Endlagergesetze klagt. Asse II ist eine Parabel. Die Lüge der friedlichen Nutzung strahlt aus dem Erdinneren, wo noch vor wenigen Jahren unterirdische Gottesdienste abgehalten wurden. Das Atomforum soll von 1997 bis 2002, so das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", fast 700 000 Euro an die Betreiberfirma gezahlt haben. Verwendungszweck: Öffentlichkeitsarbeit.

"Das Mineral der Apokalypse" verfolgt uns. Diese Sprachschöpfung stammt von dem amerikanischen Autor Tom Zoeller, der in seinem, 2009 in den USA erschienen Buch "Uranium" auf allen fünf Kontinenten der tödlichen Substanz aus der Erdkruste nachspürt. Uran – der gemeinnützige Verein "Uranforum e. V." hat auch dafür in den Buchstabentopf gegriffen und heraus kam:

"Uran – quasi ein einheimischer Rohstoff." Begründung: Weil er noch 200 Jahre zur Verfügung steht und sich so leicht in Deutschland lagern lässt.

Wie lässt sich die Gefahr der radioaktiven Strahlung überhaupt nachfolgenden Generationen vermitteln? Hier verstummen die Agenturen, die Kunst des Kaschierens stößt an ihre Grenzen. Wahrscheinlich werden die Angehörigen einer fernen Zukunft nicht mehr unsere Sprache sprechen, die Signale für Gefahren können andere sein. Der in Kanada lebende Photograph Robert Del Tredici gründete 1987 die internationalen Atomic Photographers Guild und versucht seitdem, das Versagen zu visualisieren. Zu seinem umfangreichen Werk gehört ein Foto aus dem US-Staat Idaho: Durch die Maschen eines Drahtzauns blickt man auf eine Handvoll Menschen, die auf der Prärie zusammenstehen und Ratlosigkeit vermitteln. Es sind Wissenschaftler und Bürokraten, die in den neunziger Jahren nicht mehr wissen, wo die radioaktiven Materialien in den sechziger Jahren vergraben wurden, von denen jetzt Gefahr ausgeht.

Einer der nicht verdrängte, war der 2009 verstorbene, amerikanische Ingenieur und Sprachkünstler Ed Grothus. Er hatte während des Vietnam-Kriegs seinen Job als Bombenbauer in Los Alamos gekündigt und sich vor den Toren der Waffenschmiede breit gemacht. Ein alter Supermarkt und eine offen gelassene Kirche dienten ihm als Bühne. Er erstand Alteisen und Laborgeräte und technische Utensilien, die das Atomlabor in Versteigerungen feilbot und füllte damit beständig sein Areal, das er "The Black Hole" nannte – einem Schwarzen Loch im Universum gleich, das ständig Materie ansaugt und nichts mehr preis gibt. Ed Grothus sah sich als ein Till Eulenspiegel, der seine Umgebung gern zum Narren und ihr den Spiegel vor Augen hielt. Regelmäßig schickte er Episteln, wie er sie nannte, an die Lokalpresse und attackiert die Atomwissenschaftler mit Briefen, in denen er an ihre Verantwortung appellierte. Einmal kaufte er ein Lager mit Mais-Konserven auf, die er neu beklebte. Jetzt stand auf der Banderole jeder Dose: ORGANIC PLUTONIUM – cholesterinfrei, fettfrei, ohne künstliche Zusatzstoffe.

Unzufrieden mit der Atompolitik in den Neunziger Jahren schickte er an Präsident Bill Clinton und Vizepräsident Al Gore je eine Dose mit dem Bio-Plutonium. Nach dem Genuss, so versicherte er in seinem Begleitbrief, würden beide mit einem Heiligenschein durchs Weiße Haus wandeln, und Socks, der Kater, könne in den gleichen Genuss kommen.

Eine Woche später erschienen zwei Agenten des FBI im Black Hole. Ohne Zögern gestand Ed Grothus seine Tat. Darauf wollten die Agenten von ihm wissen, ob es in seiner Familie eine erbliche Belastung von Geisteskrankheit gäbe.

Sprachlosigkeit entspräche unserem Unvermögen, dem Element Uran angemessen zu begegnen. Stattdessen sprechen wir trotz ausufernder Probleme in der Endlagerung weiterhin von einer Brückentechnologie. Brückentechnologie ist die neueste Wortschöpfung der deutschen Sprache im Lager von Wirtschaft, Energie und Politik. Brücken suggerieren Sicherheit, Brücken führen an ein anderes Ufer. Der Begriff täuscht die Anbindung von einer zur anderen Seite vor. Zwischen Atomenergie und nachhaltigen Energiequellen aber gibt es keine Verbindung. Erst wenn das alte Paradigma weicht, kann das neue Platz greifen. Je stärker die sogenannte Brückentechnologie ausgebaut wird, umso mehr entfernt sich das Ufer der Nachhaltigkeit, zu dem sie führen soll. Täuschende Titel gehören zu einer Kultur des Verdrängens.