Gesendet am 1. Juni 2011 im Notizbuch, Bayern 2

Die sieben Generationen

Deinger Weiher image courtesy Craig Eldon Reishus

Deininger Weiher, Image courtesy Craig Eldon Reishus


Wir sind die Vorfahren unserer Nachkommen. Daran ist nicht zu rütteln, doch unser Tun lässt nicht mehr erkennen, dass uns diese Tatsache bewusst wäre. Wir entziehen uns der Verantwortung durch Verleugnen und Vergessen. Wir vergessen unsere Rolle als Erdbewohner. Gegen das Vergessen haben die Haudenosaunee, allgemein bekannt als Irokesen, vor gut 800 Jahren eine Lebensregel eingeführt; damals erarbeiteten sie die Verfassung ihres Völkerbunds: Das Große Gesetz des Friedens, the Great Law of Peace. Diese indianische Verfassung gilt bis heute und ebenso diese moralische Richtlinie, die da lautet: Was immer wir heute tun, es darf nie das Wohlergehen der nächsten sieben Generationen gefährden. Denn wir sind die künftigen Ahnen, denen man danken wird oder die man verfluchen wird.

Schon jetzt lässt sich sagen: Eine Gesellschaft, in der Saatkonzerne aus Gründen des Gewinns unfruchtbare Samen züchten; in der Energiekonzerne Menschenopfer in Kauf nehmen; in der die Meere zur Müllhalde werden; in der Wachstum zur Maxime der Wirtschaft gehört; in der die Natur keine Stimme hat – in einer solchen Gesellschaft können die Nachfahren nur das Nachsehen haben. Das Nachsehen ist ein Begriff, der kaum mehr in Gebrauch ist, ein Begriff, der besagt, dass vergessen wurde, rechtzeitig voraus zu schauen. Die Haudenosaunee haben es nicht vergessen: Wer heute die sechs Nationen der Irokesen im Nordosten der USA besucht, wird schnell erkennen, dass in dieser indianischen Gesellschaft die Sorge um die nächsten sieben Generationen alle Handlungen und Überlegungen durchdringt.

Die Haudenosaunee inspirierten politische Köpfe wie Benjamin Franklin und Friedrich Engels. Es ist an der Zeit, dass wir uns inspirieren lassen von indigenen Kulturen, in denen das nicht-menschliche Leben eine ebenbürtige Daseinsberechtigung geniest; in denen Menschen nicht als Krone der Schöpfung gelten, sondern als Wächter des Gleichgewichts und der Nachhaltigkeit.

Weltweit holen wir uns ohne zu fragen, was wir zur Erhaltung unseres verschwenderischen Lebensstils brauchen. Dabei zerstören wir, was unsere Nachkommen einmal zum Leben brauchen. Daran wäre zu rütteln. Wir könnten es verändern. Aber noch folgen wir lieber weiterhin einer rücksichtslosen, also nicht-zurückschauenden Lebensphilosophie, die der amerikanische Komiker Groucho Marx wie kein anderer auf den Punkt gebracht hat: "Warum soll ich etwas für künftige Generationen tun? Haben die je etwas für mich getan?"