Gesendet am 19.12.10 im BR2 KULTURJOURNAL

Gedanken an Peter Kafka

Peter Kafka

Peter Kafka Foto © Claus Biegert


AUTOR:
Alles wird schneller. Und schnell bleiben die Langsamen auf der Strecke. Die Schnellen haben die Nase vorn. Eine Innovation jagt und überrundet die andere. Doch dann passiert ganz vorn plötzlich eine technische Panne. Wo sind die Experten? Die Lage ist brenzlig: Denn das Problem sitzt tiefer, das Wissen der Zurückgebliebenen ist gefragt. Wo sind sie, die Hüter des alten Know-How? Die Suche beginnt. Das ist im Kern der Plot des Hollywoodfilms "Space Cowboys" von Clint Eastwood. Eine High-Tech-Krise im Weltraum. Die Software, die Schwierigkeiten bereitet, wurde von raffinierteren Versionen überholt. Damit hat man nicht gerechnet. Panik und Ratlosigkeit. Die Techniker von damals sind längst im Ruhestand. Und die neue Garde hat keine Ahnung. Also müssen die Senioren ran. Die Astronauten von gestern. Die alten Eisen der Raumfahrt. Die Space Cowboys.

Der Astrophysiker und Gesellschaftskritiker Peter Kafka hätte an den "Space Cowboys" Gefallen gefunden, denn das berührte sein Lebensthema; er nannte es die "globale Beschleunigungskrise": die Krise, wenn das Alte und das Neue nicht mehr zusammen passen. Der Film kam im Jahr 2000 in die Kinos, dem Jahr, in dem er 67jährig starb.

Kafkas Arbeiten lesen sich zehn Jahre nach seinem Tod besonders reizvoll, nein, diese Wortwahl wäre zu unbeschwert, sie lesen sich besonders dringlich, da sich die Lage seitdem weiter zugespitzt hat, und unsere Politiker unbeirrt von einer sich erholenden oder sich stabilisierenden Ökonomie sprechen, sobald die Wachstumskurve nach oben führt. Bei einer Stagnation wird sofort nachgeholfen: Dann erlassen die Verfechter der alten Volkswirtschaft ein "Wachstumsbeschleunigungsgesetz", kaum dass die Finanzkrise glimpflich überstanden ist. "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" – eine derart verzweifelte Wortschöpfung signalisiert bereits, dass sich hier etwas Altes noch einmal aufbäumt, bevor es – unter Buhrufen – die Bühne verlassen muss.

Was wir heute Wachstum nennen, daran erinnerte uns Kafka bei jeder Gelegenheit, besteht überwiegend aus zerstörerischen Tätigkeiten, Tätigkeiten gegen das Gleichgewicht der Natur. Wir nehmen uns, was wir zur Aufrechterhaltung unseres Lebensstils brauchen, und zerstören dabei, was wir zum Leben brauchen. Die Frage, die sich jeden Tag stellt: Sind wir noch zu bremsen? Peter Kafka in den Neunziger Jahren:

SPRECHER:
Das Wesen der Krise liegt darin, dass das Große und das Schnelle im Evolutionsprozeß einen Selektionsvorteil haben und dass deshalb die Innovationsgeschwindigkeit und die globale Vereinheitlichung so lange zunehmen, bis das Neue nicht mehr in genügend vielen unabhängigen Versuchen und nicht mehr hinreichend lange ausprobiert werden kann. Deshalb passen die verschiedenen Teile der Wirklichkeit immer weniger zusammen. Wie ich es schlagwortartig zusammenzufassen pflege: Die logischen Voraussetzungen erfolgreicher evolutionärer Wertschöpfung sind verletzt, seit "Vielfalt und Gemächlichkeit" durch "Einfalt und Raserei" ersetzt wurden. Abbau und schließlich Zusammenbruch der komplexen Ordnung von Biosphäre und Gesellschaft setzen ein.

Die irdische Schöpfungsgeschichte konnte erst mit dem Menschen in diese Krise geraten. Ich habe sie die "globale Beschleunigungskrise" genannt. Die Untergangssymptome in Biosphäre und Gesellschaft zeigen uns: Unsere Zeit ist die singuläre Stelle in der irdischen Geschichte, an der die kritischen Grenzen des "Großen und Schnellen" erreicht werden. Dies mußte irgendwann geschehen – und wir sind es, die es trifft. Aber Krise heißt nicht Untergang, sondern Entscheidung. Die Systemlogik zeigt: Die innere Zeitskala der globalen Instabilität ist ein Menschenalter. Wir und unsere Kinder werden also die Entscheidung treffen.

AUTOR:
Wachstum: Heilsgarantie für die einen, Schimpfwort für die anderen. Podiumsdiskussionen zeigen in letzter Zeit, wie ausgewiesene Anhänger des Kapitalismus ins Straucheln geraten, wenn die Krise des gewohnten Systems angesprochen wird. Die Steuermänner des ungezügelten Profits sehen ihre Felle davon schwimmen und suchen nach neuen Definitionen, beschwören auf einmal die Vision eines nachhaltigen Wachstums. Peter Kafka würde schmunzeln. Wissen sie denn, was sie da sagen? Nachhaltiges Wachstum – welcher Wohlklang. Wahrscheinlich träumen sie in den Chefetagen, so der Philosoph Peter Sloterdijk, von einem immerwährenden Feuerwerk, das auf Ewigkeit gestellt ist. Die Träumer haben auch einen Titel: Chief Sustainability Officer. Sloterdijk zieht es vor, wahrscheinlich um das Perverse des Ganzen zum Klingen zu bringen, den Titel ins Deutsche zu übertragen. Dann wird daraus der Nachhaltigkeitsoffizier.

Nachhaltig würde bedeuten, es der Natur gleich zu tun. Bei ihr sehen wir ein ständiges Wachsen und Vergehen, ein zyklischer Rhythmus verteilt auf zahllose, vielfältige Lebensformen, ein Rhythmus, der, auf die Wirtschaft übertragen, eine andere Gesellschaft verlangt. Natürlich hat sich Kafka dazu seine Gedanken gemacht.

SPRECHER (Zitator):
Der Weg könnte in einem Land beginnen, das aus dem absurden Rennen um mehr "Wachstum" ausscheidet, sich von der Jagd nach "Investoren" verabschiedet und statt dessen ein "neutrales Geld" einführt, dessen Benutzung nicht stets die Konten Unbeteiligter wachsen läßt. Auf diese Idee dürfte sogar bei uns die Mehrheit bald kommen, denn schon spüren fast alle: "Die einzige Leistung, die sich noch lohnt, ist das Haben." Geld ist ja eine gesellschaftliche Einrichtung und könnte durchaus mit anderen Eigenschaften versehen werden, so dass nicht mehr ausgerechnet den "Vermögenden" leistungslose Einkommen zufließen müssten, deren Höhe der gesamten Steuerbelastung nahekommt. Für die Behinderung des "Großen und Schnellen" in einer neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit bieten sich viele einfache Mittel an, die aus der allgemeinen Ratlosigkeit herausführen könnten. Die meisten werden längst diskutiert, wenn auch meist mit Angst besetzt und von Machtinteressen verschleiert. Beispiele: Keine Belastung der Arbeit durch Steuern und Sozialabgaben; Steuern und Abgaben allein auf Verfahren und Produkte, die als schädlich oder riskant erkannt sind ("Entropiesteuern" und "Größenbegrenzungssteuern"); Finanzierung der öffentlichen Aufgaben allein aus solchen Steuern und aus gerechter Verteilung der leistungslosen Einkommen; neue Definition der öffentlichen Aufgaben, zu denen nicht nur die Finanzierung der Sorge für Kranke und Alte und der Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen gehört, sondern auch ein arbeitsunabhängiges Grundeinkommen für alle ("Bürgergeld") – eigentlich selbstverständlich in einer Gesellschaft, in der die Arbeit eines Bruchteils der Menschen ausreicht, um die wesentlichen Güter für alle zu erzeugen. Die Finanzierung der Grundbedürfnisse könnte teilweise, z.B. in den Bereichen Bildung und Altenpflege, durch "Gutscheine" erfolgen. Im einzelnen aber müsste sich der Staat aus der Organisation von Wirtschaft und Kultur heraushalten, so dass auch mit den "öffentlichen" Mitteln eine vielfältige private Aktivität entstünde.

Solche gesellschaftliche Organisationsprinzipien würden sich natürlich rasch auf der ganzen Erde ausbreiten, wenn sie zunächst irgendwo lokal angenähert werden könnten. Auch die ökologischen Untergangssymptome würden dann bald überwunden, denn es verschwände auch der Antrieb zum abenteuerlichen Missbrauch wissenschaftlicher Ergebnisse.

AUTOR:
Peter Kafka war ein Warner. Und Warner werden in einer Gesellschaft, wie der unseren, erst ernst genommen, wenn das eingetreten ist, wovor sie uns bewahren wollten. Gibt es Erben seiner Sicht? Hat jemand zugehört? Ja, da gibt es den Soziologen Hartmut Rose in Jena; der spricht vom "schrankenlosen Steigerungsspiel". Wir wissen heute beim Kauf eines Computers, dass das Nachfolgemodell in spätestens zwei Jahren seine Rechenleistung verdoppelt haben wird. Das neue Gerät wird ersetzt werden, ohne dass Mängel aufgetreten sind. Angesichts dieser vorzeitigen Ausmusterung spricht Rose von einem "moralischen Verfall der Güter". Er befürchtet mit Recht , dass "hochbeschleunigte Gesellschaften in einen Zustand dumpfer Schicksalhaftigkeit zurückfallen." "Runter mit dem Tempo" und "runter mit dem Wachstum" empfiehlt der amerikanische Ökonom Herman Daly, Träger des Alternativen Nobelpreises und ehemaliger Mitarbeiter der Weltbank. Daly faselt auch nicht vom nachhaltigen Wachstum, sondern sorgt für einen präzisen Begriff: Steady-State-Economy, übersetzt: Gleichgewichtswirtschaft. "Wohlstand ohne Wachstum" fordert der Soziologe und CDU-Politiker Meinhard Miegel; er ist besonders interessant, weil wir hier sehen können, was passiert, wenn sich gesunder Menschenverstand gegen Partei-Loyalität durchsetzt. Eine "Effizienzrevolution" ruft der Biologe und Technologiekritiker Ernst-Ulrich von Weizsäcker aus und kündigt gesteigerte Lebensqualität bei reduziertem Ressourcenverbrauch an.

Peter Kafka würde sich freuen: Im Windschatten der Global Players haben sich unbeirrte Kräfte zielgerichtet und besonnen auf die Seite der Langsamkeit geschlagen. Bürgerproteste richten sich in breiter Front gegen das Höhere, Größere und Schnellere. Beispiel Stuttgart 21. Menschen klinken sich aus und kehren zu ihrem eigenen Tempo zurück. Neben Fast Food behauptet sich Slow Food. Die Verteidigung biologischer Vielfalt steht gemeinsam mit Verantwortung in der Forschung und Technikfolgenabschätzung auf der Agenda internationaler Gipfelkonferenzen. Das Greenpeace-Magazin stellt seine jüngste Nummer unter das Thema SLOW.

Diesen Herbst ist ein Buch erschienen, das in diesem Kontext nicht unerwähnt bleiben darf: "Der Energ-ethische Imperativ". Im Titel steckt ein Buchstabenspiel: Der Autor ist Hermann Scheer und er hat Energie mit Ethik zu einem neuen Wort geformt. Scheer, Solar-Aktivist und Träger des Alternativen Nobelpreises, plädiert für einen vollständigen Wechsel zu erneuerbaren Energien. Scheer kann die Wirkung seines Werks nicht mehr erleben. Vor zwei Monaten folgte er Peter Kafka, er wurde 66 Jahre alt. Der letzte Satz seiner Streitschrift lautet:" Der energ-ethische Imperativ bedeutet: ultimative Beschleunigung." Das heißt: Umschalten, und zwar sofort! Hierzu ist zu melden, dass die, aus einer Bürgerinitiative hervorgegangenen Elektrizitätswerke Schönau im Schwarzwald – Deutschlands Vorzeigemodell für Nachhaltigkeit und Stromautonomie – letzte Woche ihren 100.000sten Stromkunden melden konnten. Der energ-ethische Imperativ setzt sich durch.