Claus Biegert / BREITENGRAD / Bayern 2 / 5. Juli 2014

EXIT 16 – ONONDAGA NATION TERRITORY

Onondaga Nation Bison

Onondaga Nation Bison © Claus Biegert


O-Ton Denise Waterman (Musik Six Nations Women Singers)
...at Route 81, Exit 16, that's the Onondaga Nation, then I know I am home. I feel like home and can't wait to be back...


O-Ton Tracy Shenandoah
To see Exit 16, when I am travelling, to me is a relief, because I know I am home again. I am home, where I am from, where I grew up, where my people are. It's a sense of safety, I know it's a souvereign place down there ... we have our own law there...


O-Ton Mary Eckard
I think it's awesome, because we have our own land ... and we got to learn in our own schools


Autor (Musik Six Nations Women Singers / Blende zu Autobahn)
Drei Stimmen aus Onondaga im 21. Jahrhundert: Denise Waterman, Lehrerin; Tracy Shenandoah, ehemaliger Hochstahlarbeiter; und die 10jährige Schülerin Mary Eckard. Wenn sie den New York State Highway 81 über den Exit 16 verlassen, dann verlassen sie die Vereinigten Staaten von Amerika und kehren heim zu ihrem Volk, heim in ihr eigenes Territorium: Onondaga Nation Territory. Hier fühlen sie sich sicher, hier gelten nicht die Gesetze der USA, sondern die Gesetze der Onondaga. Hier ist kein Indianer-Reservat, hier ist souveränes Territorium, hier hat Washington keinen Zugriff! Exit 16 – Onondaga Nation Territory.


Autor (Autobahn-Geräusch hoch)
Wenn ich zurück denke an den Frühsommer 1973, als ich das erste Mal meinen Fuß auf das unabhängige Territorium der Onondaga Nation setzte, dann kommt mir das berühmte Buch von Edmund Wilson in den Sinn: Apologies to the Iroquois – "Abbitte an die Irokesen".

Der Schriftsteller Edmund Wilson hatte Jahrzehnte lang geglaubt, die Mohawk seien identisch mit den Mohikanern der Lederstrumpf-Erzählungen von James Fenimore Cooper. Als er sich dann seines Irrtums bewusst wurde und erfuhr, dass die Mohawk neben den Oneida, Onondaga, Cayuga, Seneca und Tuscarora zum Völkerbund der Irokesen gehören, da machte er sich auf den Weg, um persönlich Geschichte und Kultur dieser Liga der Sechs Nationen zu erkunden. Er erkannte, wie wenig das weiße Amerika der Ostküste von seinen indianischen Nachbarn wusste, setzte sich hin und schrieb seine Abbitte; sie erschien 1959.

(Musikakzent Six Nation Women Singers)
Ich wusste auch wenig – und wollte mehr wissen. Ich hatte meine Reise bei den Mohawk in Akwesasne am St. Lawrence River begonnen; der Fluss trennt die USA von Kanada, dort wurde zu jener Zeit die größte und bedeutendste Zeitung des indianischen Widerstands herausgegeben: die Akwesasne Notes. Akwesasne ist ein Mohawk-Name und bedeutet "Wo das Rebhuhn balzt". Die Redakteure der Akwesasne Notes hatten für mich den Kontakt zu Onondaga hergestellt, und so kam ich 1973 als junger Journalist erstmals in dieses außergewöhnliche Stück Indianerland.

Onondaga liegt in der Mitte des Bundesstaates New York, am Südrand der Universitätsstadt Syracuse; zu erreichen über den US-Highway 81, Exit 16. Das indianische Territorium ist nicht groß: knapp 30 Quadratkilometer, darauf leben rund 2000 Menschen, die ihre kulturelle Identität und politische Unabhängigkeit bis heute erhalten konnten. Der Lehrplan der eigenen Schule wird hier entwickelt; über Gerichtsbarkeit, Gesundheitswesen, Infrastruktur entscheidet die eigene Regierung. Wer innerhalb der eigenen Grenzen Geld verdient, zahlt keine Steuern an die USA. Nur wer außerhalb von Onondagas arbeitet, muss die Einnahmen versteuern. Meine Gastgeberin 1973 war Dewasenta Papineau, die Clanmutter des Aal-Clans. Dewasenta bedeutet: Sie läßt Dinge fallen.


O-Ton Dewasenta
I am of the Eel-Clan and it means: dropping things.


Autor
Die Irokesen-Gesellschaft ist matri-linear, das heißt: die Verwandtschaft wird über die mütterliche Seite bestimmt. Sie ist außerdem in Clans gegliedert: es gibt den Schildkröten-Clan, den Schnepfen-Clan, den Wolfs-Clan, oder eben den Aal-Clan; die Zahl der Clans wechselt von Stamm zu Stamm. Jeder Clan hat &ndash wie eine Familie &ndash eine Mutter: die Clanmutter. Sie wird vom ganzen Clan bestimmt; meistens ist es eine ältere Frau auf Grund ihrer Lebenserfahrung; das ist aber nicht die Regel. Dewasenta – eine humorvolle, resolute Frau Mitte Fünfzig mit weichen Bewegungen, die grauen Haar hüftlang, bunter Perlenschmuck in den Ohren – lud mich in ihr Haus ein, das an eine sogenannte Trading Post angebaut war, ein alte Holzhütte, in der sie Mokassin, Schmuck und Bücher verkaufte; bis zu ihrem Lebensende im Jahr 2000 sollte das so bleiben. Unbemerkt nahm sie mich in ihre Familie auf. Ich kann nicht sagen, wann das genau geschehen ist; es gab keine Zeremonie, keinen offiziellen Beschluss. Sie hatte selbst zwei eigene Söhne und dazu drei fremde, die sie zu ihren Söhnen erklärt hatte; ich war einer dieser drei. "He is one of my boys ", sagte sie, wenn sie mich anderen vorstellte.


Dewasenta führte mich in ihre Kultur ein. Sie kochte die traditionelle Corn Soup, die Maissuppe. Der Mais, die rankende Bohne und der Kürbis sind die elementaren Nutzpflanzen, die immer zusammen angebaut werden. Sie heißen –The Three Sisters–: die drei Schwestern. Der Mais ist nicht gelb, sondern weiß. Er wächst in der Mitte, an ihm rankt sich die Bohne hoch, am Boden reifen die Kürbisse, deren große Blätter die Feuchtigkeit des Bodens bewahren.


O-Ton Dewasenta
Corn is loved by everybody. Everybody loves corn soup, or any dish that is made from this corn. Even babies when they have their first taste of corn... they go wild abouth this soup, they just love it . This is our white corn which we call Na'ha gäda ... when you are working with your corn and cleaning it, and if you should drop a cernel on the ground, well, we do not waste one corn, if there is only one we will pick it up. Because this corn ... has life, it is here for us to survive, to nourish us. They say if you leave one neglected, it will cry.


Voice over/Sprecherin
Mais lieben hier alle. Besonders die Maissuppe, aber eigentlich alle Maisgerichte. Sogar Babies sind ganz verrückt danach, sobald sie auf den Geschmack gekommen sind.

Unser Mais ist weiss. Wenn wir den Mais zum Kochen herrichten und es fällt uns ein Korn auf den Boden, dann heben wir es auf. Denn dieses Maiskorn lebt und ernährt uns. Wir sagen, wenn du ein Korn liegen läßt, dann weint es.


Autor
Dewasenta unterrichtete in der stammeseigenen Schule die eigene Sprache. Manchmal nahm sie mich mit in den Unterricht.


O-Ton Dewasenta mit den Kindern

Autor (unter dem Text ein- und ausblenden / ohne Übersetzung)
Dewasenta wurde auch meine Lehrerin. Sie benützte nicht den Begriff Irokesen, im Englischen Iroquois, sondern sprach von den Haudenosaunee. Haudenosaunee bedeutet: Menschen, die in Langhäusern wohnen. People of the Longhouse. Früher wohnten mehrere Familien in den bis zu 30 Metern langen, mit Ulmenrinde verschalten Häusern. Heute ist das Longhouse das zentrale Gebäude jeder Siedlung der Haudenosaunee. Das Longhouse von Onondaga ist aus geschälten Baumstämmen gefertigt: ein Blockhaus, das die Dorfmitte dominiert. Im Longhouse finden Ratssitzungen statt, Zeremonien, Hochzeiten, Trauerfeiern, hier werden Gäste empfangen und Entscheidungen gefällt.


O-Ton Dewasenta (ohne Übersetzung)
This is the Longhouse where we hold our ceremonies, it is a meeting place for political issues.


Autor
Longhouse ist auch ein politisches Bekenntnis: Wer zum Longhaus gehört, gehört zu keiner christlichen Kirche, ist also nicht getauft; die Haudenosaunee kennen keinen Begriff für Religion. Wer sich zum Longhouse zählt, verweigert außerdem das politische System der herrschenden weißen Gesellschaft, ist also kein Bürger der USA. Dewasenta erzählte mir begeistert vom ersten Umweltgipfel in Kopenhagen 1972, sie gehörte zu einer stattlichen Delegation der Ureinwohner – und reiste mit dem Pass der Haudenosaunee nach Europa. In Hirschleder gebunden, zeigt der Ausweis ihr Foto und einen großen runden Stempel mit allen Häuptlingen der Konföderation.


O-Ton Dewasenta
I want to show you my passport... I keep it cool in here and safe. In case of a house fire, it wouldn't be destroyed... every time I go to a country with our Haudenosaunee passport at customs they are all amused... When I went to Japan I had no trouble with the embassy in Ganuno, I had no trouble getting in, I had only trouble getting back. This is only because of ignorance.


Voice over/Sprecherin
Ich muss dir meinen Pass zeigen, ich bewahre ihn im Eisfach des Kühlschranks auf, da ist er sicher, falls es im Haus brennen sollte. Bei der Passkontrolle reagieren sie immer sehr belustigt, so einen Pass haben sie noch nie gesehen, Bei der Ausreise habe ich noch keine Schwierigkeiten gehabt, ich war damit schon in Japan. Bei der Rückreise gibt es manchmal Probleme, auf Grund der Ignoranz der USA.


Autor
Die Pässe der Besucher von Onondaga wurden von Audrey Shenandoah mit einem Prägestempel der Haudenosaunee versehen. Audrey war lange die Sekretärin der Longhouse-Regierung, sie hat den Pass mit gestaltet. Sie ist 2013 gestorben.


O-Ton Audrey Shenandoah
we completed the passports without asking the United Statesor or the Canadian government, without asking anyone's permission but ourselves. We made the passports and we used them in Geneva in 1977. Now that is what I call an act of souvereignty.


Voice over/Sprecherin
Wir haben unsere Pässe ausgegeben ohne die US-Regierung zu fragen oder die kanadische Regierung, wir haben niemand gefragt, nur uns selbst. Wir haben diese Pässe 1977 benutzt, als wir zur UNO nach Genf gingen. Das nenne ich einen Akt der Souveränität!


Autor
Oren Lyons aus dem Wolfsclan der Seneca wurde vom Schildkröten-Clan der Onondaga adoptiert. Er ist 82 Jahre alt. 1970 wurde er von den Clanmüttern ausgesucht und zum Mitglied der Longhouse-Regierung ernannt. Ich kenne ihn seit meinem ersten Besuch, er ist der Neffe Dewasentas. Das folgende Statement gab er im Park der UNO in Genf.


O-Ton Oren Lyons
We always considered ourselves to be a nation, we had treaties with the United States, treaties with Canada, treaties with France, had treaties with the Netherlands and who knows... we have a long history of being a part of this territory called North America.So passports are a part of how we identify ourselves as free and independent peoples.


Voice over / Sprecher
Wir haben uns immer als eigenständige Nation betrachtet, wir haben Verträge mit den USA unterzeichnet, mit Kanada, den Niederlanden, Frankreich, England ... wir blicken auf eine lange Geschichte zurück, die zu diesem nordamerikanischen Kontinent gehört. Eigene Pässe sind ein entscheidenes Instrument, mit dem wir uns als freie und unabhänge Nation identifizieren.


Autor (Musikakzent "Friendship Song")
Hinter dem Longhouse steht eine Weymut-Kiefer, im Amerikanischen White Pine genannt. Sie hat fünf Nadeln, die in einem gemeinsamen Schaft stecken. Für die Haudenosaunee ist die Kiefer THE TREE OF PEACE – der Baum des Friedens.


O-Ton Dewasenta
This tree is symbolic of the tree our Peacemaker planted. There are five needles symbolic of the Haudenosaunee. ... we have adopted the Tuscarora into our League, which makes it the Six Nations today.


Voice over/Sprecherin
Die Nadeln auf unserem Baum sitzen zu fünft, sie symbolisieren die fünf Nationen. Als wir die Tuscarora adoptierten wurden wir die Six Nations.


Autor (Musik Six Nation Women Singers)
Der Baum verkörpert die Geschichte der Haudenosaunee; jedes Kind wächst mit dieser Geschichte auf: Die fünf Völker der Mohawk, Cayuga, Oneida, Onondaga, Seneca lebten in einer Blutfehde, es herrschte Kannibalismus, Eltern bangten um das Leben ihrer Kinder, Krieg beherrschte den Alltag – bis eine Lichtgestalt erschien und die Verfeindeten zu Verbündeten machte. Die Haudenosaunee sprechen vom Peacemaker, dem Friedensstifter. Vor etwa 800 Jahren habe sich das Ganze zugetragen. Eine Methode des Friedensstifters war es, immer mit denen zu sprechen, die am meisten Angst und Schrecken verbreiteten und mit denen keiner mehr zu sprechen wagte. Der größte Dämon jener Tage war Tadodaho, ein Zauberer der Onondaga, der allein in Grausamkeiten seine Befriedigung fand. Ihn bezwang der Peacemaker, indem er mit seiner Gefolgschaft singend auf ihn zu kam. Sein Haar sei wie Schlangen gewesen, so die Überlieferung, und sein Körper von Hass gekrümmt. Sie kämmten ihm die Schlangen aus dem Haar und richteten seinen Körper wieder auf. Und als er wieder zu einem Menschen geworden war, ernannte ihn der Peacemaker zum Hüter des Völkerbundes und setzte eine Verfassung in Kraft: The Great Law of Peace ndash; Das Große Gesetz des Friedens.

Alle künftigen Hüter, so bestimmte der Peacemaker, sollen seinen Namen tragen: Tadodaho. Der Peacemaker pflanzte als Baum des Friedens die Kiefer mit den fünf Nadeln.


O-Ton Tracy Shenandoah
The Peacemaker, he looked for the most evil people in the areas, murderers, killers, cannibals, he turned their evil minds into good minds, the same power they had to be bad and evil, he turned that same amount into goodness. When we hear about these catastrophes around the world, wars, bombings here and there, we have tobacco burnings in our Longhouse. We do that frequently for other parts of the world to find peace, that is ongoing... We ask the creator to help the people there to find peace and talk to each other ... we ask for peace of mind for the people of the world.


Voice-over/ Sprecher
Der Friedensstifter suchte sich die Schlimmsten, die Mörder und Kannibalen, und er verwandelte deren Gesinnung. Die Kraft, die sie für ihre scheußlichen Gewalttaten vergeudeten, verwandten sie von nun an für gute Dinge. Wenn wir von den Gewalttaten rund um die Welt hören – Kriege, Bombenattentate – dann ist uns diese Geschichte vor Augen und wir haben Zeremonien im Longhouse, wir verbrennen Tabak und bitten unsern Schöpfer, die Menschen auf den Pfad des Friedens zu führen. Wir beten für eine Gesinnung des Friedens für die ganze Welt.


Autor
Tracy Shenandoah. Er baute Hochhäuser und Brücken, doch seit einem Arbeitsunfall ist er ausschließlich für das Longhouse tätig: als sogenannter Runner, der die Einladungen zu Ratssitzungen den Häuptlingen und Clanmüttern der anderen fünf Nationen persönlich überbringt. Denn die Sitzungen aller Six Nations finden immer im Longhouse von Onondaga statt. Auch im zeitalter des Internets zählt nur die persönliche Einladung durch den Boten.


Autor (Musik Tracy Shenandoah "Friendship Song")
Indianer begreifen Zeit nicht linear, sondern zyklisch. Damit verschwinden Ereignisse der Vergangenheit nicht im kollektiven Vergessen. Das gilt auch für die Haudenosaunee-Verfassung: the Great Law of Peace. Das Große Gesetz des Friedens gilt bis heute und ist im Longhouse verkörpert. Es ordnet die Gesellschaft in Clans und gibt Clanmüttern die Macht, die Häuptlinge zu ernennen und ihres Amtes zu entheben. Es verlangt von den Häuptlingen, immer das Wohl der kommenden sieben Generationen zum Maßstab ihrer Entscheidungen zu machen. Chief Oren Lyons:


O-Ton Oren Lyons
So the Great Law of Peace is a daily event. It's how you live. It's how ceremonies are performed, how leaders work, how the community operates. It's all... that's how we're brought up. So we're brought up very free, very independent and very aware of who we were in terms of our Clan and our Nation.


Voice over / Sprecher
Das Große Gesetz des Friedens bestimmt den Alltag und dein Leben. Es sagt dir, wie die Zeremonien abzuhalten sind, wie die Anführer ihre Aufgaben erfüllen sollen, wie die Gemeinschaft funktioniert. So bin ich aufgewachsen – frei und unabhängig. Wir waren uns stets im Klaren, zu welchem Clan wir gehören und was die Nation bedeutet.


Autor
Während die anderen Nationen der Haudenosaunee in Reservaten leben und neben der traditionellen Longhouse-Regierung noch zusätzlich einen, von Washington eingesetzten und bezahlten sogenannten demokratischen Stammesrat haben, zählt bei den Onondaga allein das Große Gesetz des Friedens. Das macht den Ort Onondaga so besonders. Bis heute ist die Souveränität unangetastet. Der oberste Häuptling trägt den Titel Tadodaho. Damit wird jedes heran wachsende Mitglied der Onondaga Nation in die Geschichte von Krieg und Frieden eingeführt und daran erinnert, dass Gut und Böse stets gegenwärtig sind, und erst ein soziales Regelwerk den Frieden sichert. Für die Menschen von Onondaga bedeutet Frieden mehr als ein Zustand ohne Krieg: Frieden ist Harmonie mit der Erde und allen Lebewesen. Für diese Harmonie zu sorgen, ist eine der Aufgaben der Clanmütter. Eine Lebensaufgabe. Chief Oren Lyons, der Häuptling des Schildkröten-Clans:


O-Ton Oren Lyons
I asked Leon on time, my uncle: How come we are still here, looking at everything around the country and all the nations and the various disarray they are in, how come we are still here? And he said: Because we always had good leaders. And we always had good leaders because we had a system that produced good leaders.


Voice-over/Sprecher
Ich habe meinen Onkel einmal gefragt: Wie kommt es, dass wir immer noch da sind? Wenn man sich umschaut und sieht, in welchem Zustand der Auflösung sich viele Staaten befinden, dann muß man sich wundern. Mein Onkel antwortete: Weil wir immer gute Häuptlinge hatten. Und wir haben gute Häuptlinge, weil wir ein System haben, das gute Führungspersönlichkeiten hervor bringt.


Autor
Die Politiker der Haudenosaunee werden nicht , wie in westlichen Demokratien üblich, mit Stimmenmehrheit gewählt. Das wäre in ihren Augen nicht demokratisch, da dann eine Minderheit zu kurz kommt. Von den Clanmüttern weiß man, dass sie schon früh anfangen, Kinder beim Spielen zu beobachten. Zeigt sich ein Junge als hilfsbereit und umsichtig, werden sie ihn auf ihre geheime Liste setzen – und weiter beobachten. Der Vorschlag eines Clans bedarf dann der Zustimmung aller Clans. Die Bestimmung eines Tadodaho obliegt den Häuptlingen aller sechs Nationen.


Autor (Musik Six Nations Women Singers)
Die Themen im Longhouse sind breit gestreut: Sie reichen von Bürgerklagen über einen heulenden Hund, der die Nachbarn nachts wach hält über die Probleme mit den eigenen Pässen bis zur US-Steuerbehörde IRS, da auf dem Hohheitsgebiet Zigaretten steuerfrei verkauft werden. Dazu kommen übergreifende Themen wie die Umweltzerstörung durch multinationale Konzerne. Die Umweltaktivistin Jeannie Shenandoah:


O-Ton Jeannie Shenandoah
What we are supposed to do is: to think about the whole Earth and the water to protect it. So now most, a lot of energy is going towards the restauration and cleaning of it, of all the toxins and heavy metals, I can't even tell you the list, it's so long... all the things that pollute the lake that bears our name: Onondaga Lake.


Voice over/ Sprecherin
Wir sollten uns für die ganze Erde und für das Wasser verantwortlich fühlen. Hier in Onondaga geht viel Kraft in die Wiederherstellung des Sees, der unseren Namen trägt: Onondaga Lake. Die Liste der Giftstoffe ist so lang, dass ich sie garnicht aufzählen kann.


Autor
Jeannie Shenandoa arbeitet im Kommunikationsbüro der Onondaga Nation. Gleichzeitig kämpft sie seit 2005 mit zahlreichen weißen Umweltorganisationen gegen Fracking – und für die Rettung des Onondaga Lake. Am Ufer dieses Sees hatte der Peacemaker einst die verfeindeten Stämme vereint und zu Verbündeten gemacht. Heute gilt der Onondaga Lake als einer der verschmutztesten Seen Nordamerikas. Der Häuptlingsrat heuerte unabhängige Wissenschaftler an, die im See über 50 toxische Stoffe fanden, die nachweislich krebserregend und genverändernd wirken können.

Die Onondaga beschlossen im März 2005 vor Gericht zu gehen. Sie taten dies, wie es wahrscheinlich der Peacemaker getan hätte: Sie pochten nicht auf ihr Recht auf das Land, das ihnen 1788 gestohlen worden war, sondern sie betonten ihre Verantwortung gegenüber dem Land und gegenüber den ungeborenen Generationen. Sie boten in ihrer Klage an, mit Experten des Staates New York zu kooperieren, um gemeinsam den See zu retten.

Das Gericht wies die Klage ab. Eine Argumentation, die nicht von Besitz, sondern allein von Verantwortung sprach, fand im weißen Amerika kein Gehör. Doch die Haudenosaunee geben nicht auf: Im April 2014 wandten sie sich an die pan-amerikanische Organisation OAS, in der 35 Länder des Doppelkontinents vertreten sind, und die die Einhaltung der Menschenrechte und die Friedenssicherung zwischen den Staaten in ihrer Charta festschreibt. Die Kosten des Verfahrens belasten das Budget der kleinen Nation, deren Einnahmen neben Tabakverkauf hauptsächlich aus den Zahlungen des Staates New York für den Highway 81 kommen, der durch das Territorium führt.

Die Onondaga sehen sich als Verbündete anderer Umweltbewegungen weltweit und arbeiten eng mit einer weißen Bürgerinitiative zusammen, die sich "Neighbors of the Onondaga" nennt. Sie haben eine Resolution verabschiedet, die den Transport von Atommüll durch ihr Territorium untersagt. Kontrollieren können sie eventuelle Transporte jedoch nicht. Kontrollieren können sie allein ihre Müllhalde, die sie nachts bewachen. Zwei Firmen hatten in den achtziger Jahren dort heimlich ihren Giftmüll abgeladen. Zu den Nachtwächtern gehört manchmal auch der Tadodaho.

Zwar ist das Volk der Onondaga klein, doch seine Initiativen reichen weit. Gemeinsam mit einer schwedischen Firma will die Onondaga Nation bald ein mehrstöckiges, kugelförmiges Gewächshaus für den urbanen Bereich entwickeln. Sein Name: Plantagon. In einem Plantagon-Präsentationsfilm bringt Chief Oren Lyons eine zentrale Botschaft der Haudenosaunee unter:


O-Ton Oren Lyons
We have tipped the ballance of life against our children. And we imperil our future as a species. Leaders of the world, there can be no peace as along as we rage war against our mother, the Earth. Responsible, couragious actions must be taken to realine ourselves with the great laws of nature.We must meet this crisis now while we still have time.We offer these words as common peoples in support of peace, equaty, justice and reconsiliation.


Voice-over Sprecher
Wir haben das Gleichgewicht der Erde gekippt zu Lasten unserer Kinder. Unsere Zukunft ist gefährdet. Staatsoberhäupter dieser Welt: Solange wir Krieg gegen unsere Mutter, die Erde führen, solange wird es keinen Frieden geben. Wir müssen unseren Kurs korrigieren und uns dieser Krise stellen. Wir Ureinwohner sprechen als einfache Menschen im Namen von Frieden, Gleichheit, Gerechtigkeit und Versöhnung.