Bayern 2, RadioThema, 28. Februar 2013, 20.03 Uhr

Milo Yellow Hair
holt seine Post

Milo Yellow Hair

Milo Yellow Hair, Bayern 2 Studio, © Claus Biegert


INTRO:
AIM-Song/ dazwischen O-Ton-Fetzen aus Nachrichten über die Besetzung von Wounded Knee 1973 und Statement von Milo Yellow Hair 2012:

O-TON: Milo
Wounded Knee is sitting directly west of us round about 15 miles. And that's where I usually get my post.

ANSAGE/Stationssprecher:
Yellow Hair holt seine Post – Erinnerungen an den Aufstand von Wounded Knee 1973 / Ein Feature von Claus Biegert.

O-TON: Milo
Just to go back to Wounded Knee – this road is full of tremendous personal memories. Basically based on some really really horrendous experiences.

AUTOR:
Milo Yellow Hair ist eben vom Postamt Wounded Knee zurück gekehrt. Er wohnt mit seiner Familie und vielen Pferden östlich des Dorfes, in der hügeligen Prärie des Reservats Pine Ridge, auf dem die Oglala-Lakota zu Hause sind. Jedes Mal, wenn er mit dem Auto nach Wounded Knee fährt und seine Briefe aus dem Postfach holt, wird er an schlimme Ereignisse erinnert, die zum Reservat gehören, die aber auch Teil seiner persönlichen Geschichte sind.

Es ist Mitte Dezember 2012, wir sitzen in seiner Küche, trinken Kaffee aus einer der elektrischen Kocher, wie sie hier in den Wohnungen den ganzen Tag im Betrieb sind – sofern das Haus einen Stromanschluss hat und sofern das Geld für Kaffee reicht, immerhin ist das Reservat eine der ärmsten Regionen der USA. Wir hören Radio, tauschen Geschichten aus, stöbern in gesammelten Zeitungsausschnitten und Fotos. Milo ist ein Geschichtenerzähler in der Tradition seines Stammes, Vergangenes und Gegenwärtiges fließen ineinander.

O-TON: Milo
A little bit further up on the road from wounded knee, thats where my grandpa used to live. When we were boys we would stay with him. Because we used to walk to the wounded knee store. [....] He would walk over there so we would tag along. He would tell us a little bit this land and that land he could this creek bottom like this. Little did I know that wounded knee 1973 that we used to take food and supply into wounded knee. and we used to escape detection because at that time the idea of big column of force outside the wounded knee existing between all of these areas we had another force in place to deal with whatever is going to come down on our way. so all these little trips to wounded knee get into this idea what happened to me and this car accident which is called and from there the almost freezing to death my grandfathers place that wounded knee – these are always constant reminders of my moving from my present home to wounded knee. Every day and all the time I go for mail. and because of the historical significance to see what's going on in the Wounded Knee itself.(...) It has always been an unsettled area. an area of controversy, of uncertainty, also a sight of greatest feelings of being alive as a human being of that beautiful earth.

VOICE-OVER:
Mein Großvater wohnte nicht weit von Wounded Knee, als Buben sind wir immer mit ihm in den Laden gegangen und er hat uns Geschichten erzählt. Nie hätte ich mir träumen lassen, welche Rolle dieser Ort in meinem Leben einmal spielen würde. Wir haben während der Belagerung Essen und was immer notwendig war, zu den Besetzern gebracht. Das war nicht ungefährlich, denn wir mussten den Straßensperren und Militärkontrollen ausweichen. Wenn ich mit dem Auto nach Wounded Knee fahre, um meine Post zu holen, dann kommen die Erinnerungen hoch. Einmal wollten sie mich umbringen, ein anderes Mal bin ich beinahe erfroren. Wounded Knee ist und bleibt ein Ort der Unruhe, der Gegensätze, der Auseinandersetzungen, aber auch ein Ort großer Gefühle und Dankbarkeit für diese wunderbare Erde.

O-TON: Milo
When I say I am thinking about all those things the tragedy at Wounded Knee, all the massacre there, all these descriptions are not adequate in terms of the humiliation of the slaughter of the Lakota people at wounded knee.

VOICE-OVER:
Gleichzeitig ist die Tragödie von 1890 immer gegenwärtig. Es gibt bis heute keine adäquate Beschreibung für das Abschlachten der Lakotas in Wounded Knee.

MUSIK: Lame Deer "Pipe Song"

AUTOR:
Nach dem Massaker am Wounded Knee Creek im Dezember 1890 galten die Indianerkriege offiziell als beendet. Zwanzig Soldaten der 7.Kavallerie wurden für den Tod von fast 300 unbewaffneten Männern, Frauen und Kindern in Washington mit Tapferkeitsmedaillen dekoriert. Massaker, so Milo, wären im 19. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches gewesen. Schau dir den Landerwerb der Siedler an, sagt er und klickt auf dem Bildschirm seines Computers den Podcast einer Radiosendung an.

O-TON: Radio "First Person Radio" (ohne voice-over/Übersetzung nachträglich)

AUTOR: (über O-TON)
Waziyatawin, eine Autorin vom Stamm der Dakota, erzählt vom Besitzerwechsel der Prärie: Man überfiel eine kleine Gruppe Dakota, tötete sie und zog ihnen, Frauen und Kinder eingeschlossen, die Kopfhaut ab. Für Skalps von Indianern zahlte die Regierung Prämien, davon konnten die Siedler dann Farm- und Weideland kaufen.

O-TON: Radio "First Person Radio" (ohne voice-over/Übersetzung nachträglich)

AUTOR: (über O-TON)
So bewegte sich die Grenze nach Westen. Nach einer Hungersnot kam es 1862 zu der sogenannten Dakota-Revolte, es gab Tote unter den Siedlern, und 38 Krieger wurden in dem Städtchen Mankato öffentlich hingerichtet: die größte Massenexekution in der Geschichte der USA. Danach hielt endgültig der Zustand Einzug, den die Einwanderer Zivilisation nannten.

O-TON: Radio-Interview

AUTOR: (über O-TON)
Did you see Lincoln? Milos Frage kommt plötzlich. Was meint er? Natürlich, er meint den Film. "Lincoln", Steven Spielbergs neues Werk, ist gerade mit Erfolg angelaufen, Daniel-Day Lewis spielt den Präsidenten. Warum die Frage? Als Antwort erzählt Milo von Mankato, er erzählt als sei er dabei gewesen. Die 38 Todesurteile von Mankato hat Lincoln damals unterschrieben, sie sind tief eingegraben in der Erinnerung seines Volkes, eingegraben wie der Long Walk von 9000 Navajo und Apache in das Internierungslager Bosque Redondo; diese Deportation durch die Armee, die viele Todesopfer forderte, fiel auch in die Amtszeit Lincolns. Spielbergs Film lässt die Indianerpolitik von damals unberührt.

O-TON: Musik-Akzent Keith Secola

SPRECHERIN:
Als die Überlebenden der Stämme in Internierungslager umgesiedelt worden waren, galt das Indianerproblem als gelöst. Das 1824 gegründete Indianerbüro war bereits vom Kriegsministerium in das Innenministerium verlegt und die Internierungslager in Reservate umbenannt worden – sie sollten Adolf Hitler später als Inspiration für seine Konzentrationslager dienen. An die Stelle des Genozids trat jetzt die Assimilation. Kinder wurden von den Eltern getrennt und in Boarding Schools – Internate außerhalb der Reservate – untergebracht. Wer beim Sprechen der eigenen Sprache erwischt wurde, musste mit Einzelhaft in Ketten rechnen. Den Heranwachsenden, die den American Way of Life bejahten, wurde der Weg geebnet, sie erhielten Posten in den Stammesregierungen, die das B.I.A. – das Bureau of Indian Affairs – nach weißem Muster eingeführte hatte. Die traditionellen Häuptlinge wurden als Sprecher nicht mehr gehört. Von nun an existierten in der indianischen Welt zwei Lager: Progressives und Traditionals. Die Fortschrittlichen, die sich von ihrer Kultur distanzierten, wurden von den Traditionalisten spöttisch apples genannt: Äpfel – außen rot, innen weiß. Die Apples hatten das Sagen. Wollte die US-Regierung den Zugriff auf Reservatsland, hatte sie in den vom B.I.A. eingesetzten Stammesregierungen willfährige Partner: vor allem, wenn es um die militärische Nutzung ihres Landes ging und um die Gewinnung der Bodenschätze. Alles wurde mit Geld geregelt.

O-TON: TV-News on Wounded Knee 1973

AUTOR:
Erst 150 Jahre später, im Februar 1973, zerbrach das System der Unterdrückung nahe dem Massengrab am Wounded Knee Creek im Reservat Pine Ridge, dem ehemaligen Gefangenenlager 344 im US-Staat South Dakota.

O-TON: Musik-Akzent Keith Secola

AUTOR:
Indianer besetzen Wounded Knee. Ich sehe noch die Schlagzeilen vor mir, die am 28. Februar 1973 die Zeitungskästen in München schmückten. Schmückten? Ja , für mich war diese Nachricht ein Schmuck, besonders mit dem grob gerasterten Foto eines Indianers, der ein Gewehr quer über das Bild hielt. Er hieß Oscar Bear Runner, auf die Flinte, so erfuhr ich dann später vor Ort, war wenig Verlass, aber darauf kam es nicht an. Die Besetzung von Wounded Knee war ein Akt, der um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit rang. Dazu mussten die Bilder stimmen: Fransen, lange Haare, Federn, bemalte Gesichter, Trommeln, Gesang, Gewehre.

Die Bilder stimmten, und die Medien der Welt kamen. Auch mich zog es vor 40 Jahren in die USA. Als junger Journalist befragte ich Ureinwohner zwischen New York und South Dakota nach ihren Beweggründen und ihrer Meinung zu Wounded Knee.

Was wollen die Indianer, fragten sich natürlich die Weißen. Die Einschätzung von Phillip Deere, einem traditionellen Medizinmann vom Stamm der Muskogee aus Oklahoma, versucht diese Frage zu beantworten; er war bis zu seinem Tod 1985 ein Stratege und Vordenker der Indianerbewegung American Indian Movement, abgekürzt AIM, was im Englischen auch Ziel bedeutet.

O-TON: Philip Deere
Wherever an Indian is standing up for his rights, speaking up for his rights, we consider them to be part of the movement. And this is why Wounded Knee gained the attention of this world. Prior to that nobody ever knew what is happening with the Indian people within the United States. Nobody ever knew the poor conditions of the Indian people on Pine Ridge Reservation and on other reservations. No matter how you look at it, these people, you may look at them as militants, which they are branded as militants, many times are called violent people, radicals, no matter how you look at it, they brought the attention of the world. To let this whole world know the conditions of the Indian people and it had to take the movement people to do that. How else do you get the attention. It's a bad way to look at it, I don’t say that this is right, that this is the right thing to do, but that’s the only thing the world knows today. What we call in the newspapers, what we call good news is actually bad news what you read on the front pages. You shake the hand with some important government official, you don’t get that publicity. You slap him across the face in front of the public you get this publicity.

VOICE-OVER:
Wo immer Indianer aufstehen und auf ihre Rechte pochen, gehören sie für uns zur Widerstandsbewegung. Vor Wounded Knee wusste die Welt kaum etwas über die verheerenden Lebensbedingungen von uns Indianern in den USA, sei es auf dem Reservat Pine Ridge oder anderswo. Die Aktivisten werden als militant gebrandmarkt, als radikal, aber dazu muss man wissen, dass erst die Besetzung von Wounded Knee uns die nötige Aufmerksamkeit der Welt gebracht hat. Wie sonst schafft man es auf die Titelseiten der Zeitungen? Wenn du einem wichtigen Regierungsvertreter die Hand schüttelst, ist das keine Nachricht wert. Wohl aber, wenn du ihm eine Ohrfeige gibst. Dann erst bekommst du die nötige Publicity.

MUSIK: Akzent Keith Secola (unter Text weiter)

AUTOR:
Die politische Propaganda 1973 enthielt die Feindbilder des Kalten Kriegs: Die Aufständischen, so hieß es bald, würden von Moskau unterstützt. Ein automatisches Gewehr AK 47, das ein Veteran aus Vietnam mitgebracht hatte, tauchte auf einem Foto auf und wurde als Beweis gewertet, dass die Bewegung kommunistisch unterwandert war. Dass die Ureinwohner weder links noch rechts waren, sondern allein indianische Ziele verfolgten – und bereit waren, dafür auch ihr Leben zu geben, existierte im Denkschema des offiziellen American Way of Life nicht.

MUSIK: Akzent Keith Secola (wieder hoch)

SPRECHERIN:
Die Besetzung von Wounded Knee war nicht der erste große Akt des Widerstands – zwei Jahre zuvor hatten Indianer verschiedener Stämme die leere Gefängnisinsel Alcatraz vor der Küste San Franciscos besetzt, um eine Universität zu errichten; ein Jahr zuvor war eine Karawane quer durch den Kontinent nach Washington gezogen und hatte das B.I.A., das Büro für Indianische Angelegenheiten, besetzt – jedoch hat keine Protestaktion davor und danach die indianische Welt derart aufgerüttelt und geeint, wie jener Aufstand im Februar 1973, der zu einem Funken wurde.

AUTOR:
Woher kam dieser Funke? Und was machte ihn so stark, dass er einen Brand entfachte?

SPRECHERIN:

Es waren die alten Frauen der traditionell gesinnten Bevölkerung gewesen, die den Rassismus außerhalb des Reservats, die fortschreitende Zerstörung der Landwirtschaft im Reservat, die extreme Armut, die Arbeitslosigkeit, die hohe Selbstmordquote unter den Jugendlichen, die kulturelle Entfremdung der Kinder, die Bevormundung in allen Lebensbereichen durch eine Diktatur der korrupten Stammesregierung nicht mehr hinnehmen wollten.

AUTOR: Sie, die Frauen unter den Stammesältesten, gaben den Ausschlag für den Entschluss, nach Wounded Knee zu gehen und die Gildersleeve Trading Post, einen Souvenir- und Gemischtwarenladen, die kleine Kirche und das Gelände um den Friedhof zu besetzen. Es war ihre Idee, das American Indian Movement zur Hilfe zu rufen. Hören wir drei kompetente Stimmen: Lee Brightman, Aktivist aus San Francisco, AIM-Mitbegründer Clyde Bellecourt aus Minneapolis und Tashena Banks, eine Tochter von Dennis Banks, dem Mitbegründer von AIM.

O-TON: (ohne Voice-Over)
The backbone was the women / It was the women who stood up / They said: Let’s go to Wounded Knee...

SPRECHERIN:
Das American Indian Movement, kurz AIM, war 1968 im Gefängnis Stillwater entstanden, nördlich von Minneapolis-St.Paul im Bundesstaat Minnesota. Drei indianische Gefangene vom Stamm der Anishinabe &ndahs; Mike Mitchell, Dennis Banks und Clyde Bellecourt – hatten erkannt, dass sie, sollte sich jemals etwas ändern, selbst eine Alternative zum bestehenden System schaffen mussten. Wieder auf freiem Fuß bauten sie eine Stadtteil-Patrouille auf, die nachts nach dem Schließen der Bars den Streifenwagen folgte, um Übergriffe von Polizisten auf betrunkene Indianer zu verhindern. Immer wieder war es zu Vergewaltigungen von indianischen Frauen gekommen, bei Männern zu willkürlichen Festnahmen. Die Kunde von der effizienten Sozialarbeit des American Indian Movement machte die Runde in den Reservaten. Wounded Knee sollte AIM dann zu nationaler Popularität verhelfen.

MUSIK: AIM-Song / dann Lakota, von Milo gesprochen

AUTOR:
Milo Yellow Hair spricht fließend Lakota. Ich solle Lakota lernen, sagt er und lacht, die Deutschen, besonders die Schweizer hätten das CH, ohne das die Lakota-Sprache nicht auskommt. Richard Erdoes, sagt er, hätte zwar nicht viel Lakota gesprochen, aber die Aussprache sei exzellent gewesen.

Richard Erdoes, war ein österreichischer Illustrator und Autor, der enge Freundschaften mit Lakota-Familien pflegte. Er starb 2008 im Alter von 96 Jahren. Ich interviewte ihn im Herbst 2000; er beschrieb nochmal die Situation vor der Besetzung von Wounded Knee:

O-TON: Richard Erdoes: Ich bin dagesessen und habe geredet mit den Leuten, die Freunde von mir waren, und plötzliche kam eine Kugel durchs Fenster. Alle haben sich unter Sofas und Tischen verkrochen und gerufen: The Goons, the Goons, the Goons are coming. Dort hat es gewissermaßen einen Prärie-Hitler gehabt, der hat Dickie Wilson geheißen, war ein Klempner, auch ein Bootleger einmal, und wurde damals zum Chairman, also zum Präsidenten des Stammes gewählt, weil er den Leuten versprochen hat viele Geld und das und jenes... dann hat er sich als Diktator eingenistet, hat eine private Armee gehabt, die "die Goons" geheißen hat, und da hat er ein Schreckensregiment angefangen. Es wurden ungefähr 65 Leute auf diesem Reservat ermordet. Die Regierung hat sich nicht darum gekümmert, kein einziger Fall wurde untersucht, die FBI hat natürlich den Dickie Wilson unterstützt, weil er ungefähr 80.000 Hektar des Reservates dem Staat für das Badlands Monument einfach geschenkt hat. Er war sehr arschkriechend. Die Atmosphäre war, dass jeder sich gefürchtet hat vor dem anderen, dass die Leute ganz paranoid waren, dass jede Kleinigkeit, ein Hund , der jemand beißt, ein Kind, das schreit, ein Auto, das donnernd... also Panik ausgelöst hat; die kleinste Kleinigkeit konnte ein Shoot-out, also eine Schießerei, eine Wahnsinnstat auslösen. Die meisten Leute, die ermordet wurden, waren Sympathisierende mit AIM, Sympathisierende mit den traditionellen Alten. Stell dir vor, einen Miniatur-Hitler aus Deutschland in die Prärie versetzt.

AUTOR:
Die GOONS, von denen Richard Erdoes spricht, waren eine Privatarmee des Stammesvorsitzenden Dick Wilson. Unter GOONS versteht man Leibwächter oder paramilitärische Truppen. Die indianischen GOONS suchten in den Buchstaben ihres Berufstandes nach einer Bedeutung und nannten sich dann: Guardians Of The Oglala Nation – Hüter der Oglala Nation.

In den Wochen vor Wounded Knee hatten neben dem Terror der Goons verschiedene Ereignisse außerhalb des Reservats zu einer Verdichtung der Wut geführt:

O-TON: TV-News Custer / Russell Means spricht

SPRECHERIN:
In der Kleinstadt Custer in den Black Hills protestiert AIM gegen ein Gerichtsurteil. Ein Weißer hatte vor einer Bar den Oglala Wesley Bad Heart Bull erstochen. Der Täter erhält nur eine Geldstrafe und Haft auf Bewährung. Bei einem Protest vor dem Eingang zum Gericht wird die Mutter des Ermordeten vom Wachpersonal zusammen geschlagen. Der Protest eskaliert, das Gerichtsgebäude geht in Flammen auf.

In Gordon, Nebraska, wird im Kofferraum eines Autos die Leiche von Raymond Yellow Thunder, einem Oglala-Lakota aus Pine Ridge, gefunden. Yellow Thunder ist kastriert. Zuvor, so ergeben die Untersuchungen, hatte man ihn gezwungen, nackt auf der Bühne eines Vereinslokals vor Kriegsveteranen zu tanzen.

MUSIK: Dennis Banks "AIM-Song" (mit gesprochener Einführung)

O-TON: Dennis Banks (über Musik
) It is sad, when mistreatment and abuse and neglect and murder against Indian people become common. That is where it started, that is where it’s gonna end. It is a good day to die.

AUTOR: Es ist traurig, sagt Dennis Banks, wenn Mißhandlung, Beschimpfung und Gleichgültigkeit gegenüber Indianern normal ist. Damit fängt alles an und damit wird es enden. Mit dieser Ansprache ist der Gründer des American Indian Movement auf einem Video fest gehalten, das ein Journalist während des Protests in Custer drehte. Banks endet mit dem Satz: Es ist ein guter Tag zum Sterben.

SPRECHERIN:
In den Köpfen derer, die das Recht auf die eigene Waffe als Menschenrecht sehen, kann der Satz einen ganz anderen Klang haben:

O-TON:
It's a good day to die – for white people, that sounds like: it's a good day to kill

AUTOR:
Ein guter Tag zu sterben, für Weiße klingt das wie: ein guter Tag zu töten– Das war Marshall Young, Richter aus South Dakota, der in verschiedenen Fällen über Aktivisten des American Indian Movement Urteile verhängte.

MUSIK: AIM-Song von Blackfire

AUTOR:
Zurück in den Februar 1973. Geiseln zu nehmen, wäre für die Aufmerksamkeit durch die Medien nicht schlecht, meinte einer der Anführer. Daraufhin erklärten sich der Inhaber des Gemischtwarnladens und seine Familie einverstanden, zu elft die Rolle der Geiseln zu übernehmen, um durch ihre Anwesenheit vorschnelles Eingreifen der Polizeikräfte zu verhindern.

SPRECHERIN:
In Washington wurde der Protest als Angriff auf die nationale Sicherheit eingestuft, denn AIM galt als "kommunistisch unterwandert". Alexander Haig, der stellvertretende Stabschef der US-Armee, berief am 28. Februar 1973 eine Sondersitzung im Pentagon ein. Colonel Volney Warner von der 82. Division der Luftwaffe und Colonel Jack Potter von der Sechsten Armee, beide mit Vietnam-Erfahrung, wurden beauftragt, sich um Wounded Knee zu kümmern. Sie sollten, darauf legte Haig Wert, bei diesem Auftrag keine Uniform tragen. Die Zeiten hatten sich geändert, die Medien sollten nicht sofort merken, dass die Armee im eigenen Land eingriff. Seit dem amerikanischen Bürgerkrieg war dies nicht mehr passiert; im Übrigen fehlte dem Befehl die legale Basis: Es gab weder eine Kriegserklärung noch einen Sonderbefehl des Präsidenten, der Richard Nixon hieß. Aber es existierte ein Beschluss aus den sechziger Jahren, mit dem Titel Garden Plot – Verschwörung im Garten – auf den stützte sich Haig. Garden Plot sollte Anwendung finden, wenn das Sozialgefüge der USA von Bewegungen innerhalb des Landes bedroht war. Für diesen Fall war ein Zusammenwirken aller Verteidigungskräfte vorgesehen: Armee, Marine und Luftwaffe gemeinsam mit der Nationalgarde, den US-Marshals und der Highway Patrol.

AUTOR:
Zu den Partnern vor Ort gehörte auch noch das FBI, das COINTELPRO benutzen wollte, eine Unterwanderungsmethode, die bereits bei der Black Panther Party, der revolutionären Befreiungsbewegung der Schwarzen, angewendet worden war. Und dann war da noch die indianische Reservatpolizei, sowie die GOONs, jene Privattruppe des Stammesrats-Vorsitzenden Dick Wilson.

SPRECHERIN:
Die Befehlshaber im Pentagon einigten sich auf den Einsatz von 17 Panzern, dazu Helikopter und Phantom-Bomber nach Bedarf, 130.000 Schuss Munition vom Typ M-16, 41.000 vom Typ M-1, 24.000 Leuchtraketen, zwölf M-79 Abschussrampen, 600 Patronen Tränengas, 100 M-40 Sprengkörper; die Zahl der Panzer wurde später auf 35 erhöht.

AUTOR:
Das Militär rückte an, und mit ihm die Medien. Vielleicht wäre es außer den zwei Toten unter den Indianern und einem Schwerverletzten auf FBI-Seite zu größerem Blutvergießen gekommen, wenn die Belagerung nicht vor Augen der internationalen Öffentlichkeit stattgefunden hätte. Unerwartet kam außerdem Unterstützung aus Hollywood. Marlon Brando sollte für seine Rolle des Paten einen Oskar erhalten.

O-TON: Oskar-Verleihung
The winner is: Marlon Brando in "The Godfather"... Accepting the Award for his role in "The Godfather" is Sacheen Little Feather...

SPRECHERIN:
Er verweigerte die Ehrung und schickte die indianische Schauspielerin Sacheen Little Feather. Brando begründete damals seinen Protest damit, dass die Filmindustrie durch die Darstellung der Indianer zu deren Misere beigetragen habe und dies immer noch täte.

Ein Akt der Solidarität mit den Aktivisten in Wounded Knee.

O-TON: Oskar-Verleihung/ Sacheen spricht Hello, my name is Sacheen Little Feather, I am Apache and I am representing Marlon Brando this evening. He has asked me to tell you in a very long speech that I cannot share with you presently because of time, but I will be glad to share it with the press afterwards. But he very regretfully cannot accept this very generous award. And the reasons for this being, are the treatment of American Indians today by the film industry ... excuse me ... and on television and on movie re-runs and also with recent happenings at Wounded Knee.

AUTOR:
71 Tage dauerte der Ausnahmezustand. Immer deutlicher offenbarte sich, dass der Aufstand von symbolischem Charakter war und zum Ziel hatte, in einen Dialog auf Augenhöhe mit der US-Regierung zu treten. Am 8. Mai kapitulierten die Traditionalisten, die während ihrer Besetzung die "Unabhängige Oglala Nation" ausgerufen hatten. Militärisch hatte das American Indian Movement verloren, spirituell hatte es gesiegt. Die Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen Werte breitete sich aus und war nicht mehr aufzuhalten.

SPRECHERIN:
Die anschließenden Strafprozesse gegen die Aufständischen in St. Paul, Minnesota, wurden abgebrochen. Der Richter war Fred Nichols, ein Mann, der zunächst davon ausging, dass die US-Regierung sich an die Gesetze hielt. Als er feststellen musste, dass sämtliche Telefonate der Angeklagten mit ihren Anwälten vom FBI abgehört wurden, sich außerdem das Weiße Haus weigerte, Gesprächsprotokolle zu Wounded Knee dem Gericht auszuhändigen, stellte er die Verfahren ein. Von Nichols ist der Ausspruch überliefert, er habe bisher an die Amerikanische Verfassung, die Flagge und Apple Pie geglaubt. Übrig geblieben sei allein der Apfelkuchen. Anders William Janklow, damals Gouverneur von South Dakota: Er gab öffentlich bekannt, die einzige Lösung des Indianerproblems sei "eine Kugel durch den Kopf der militanten Indianerführer Dennis Banks und Russell Means".

AUTOR:
Die Regierung in Washington wollte sicher gehen, dass der Widerstand nicht wie ein Lauffeuer auf die anderen Stammesgebiete übergreifen würde. Unter dem Boden der Reservate lagen wertvolle Bodenschätze: Uran, Öl, Kohle, Gold. Man brauchte kooperative Stammesregierungen. Würden die Reservate künftig von Traditionals kontrolliert, wäre der ungehinderte Zugriff auf die Ressourcen womöglich gefährdet. So kam es, dass die GOONs auf dem Reservat Pine Ridge auch nach Wounded Knee weiterhin ein Regiment der Gewalt führten. Diese Jahre, sagt Milo, waren der reinste Terror. Pedro Bisonette, der schon lange vor Wounded Knee eine Bürgerrechtsbewegung gestartet hatte, wurde mitten am Tag auf dem Highway angehalten und mit einem Schrotgewehr getötet. Über 60 Morde fallen in diese Zeit; bis heute sind sie nicht aufgeklärt.

Auch Milo Yellow Hair, der immer auf der Seite der Traditionalisten stand, wäre den GOONs beinahe zum Opfer gefallen.

O-TON:
The highway next to our house is called Highway 18. it goes on the east and west direction. I usually go towards west towards Pine Ridge. If I stay on the high way and drive for 9 miles I come to a junction that goes to Gordon, Nebraska, goes west to Pine Ridge, and a road that goes to north, toward Wounded knee and Porcupine area. And I would travel on this road and needless to say I come to that particular point of time and that place where everything that I was doing back in the summer of 1981.

VOICE-OVER:
Auf dem Highway 18 fahre ich in Richtung Westen; nach etwa 14 Kilometern kommt eine Kreuzung: nach Süden führt die Straße nach Gordon im Nachbarstaat Nebraska, und in Richtung Norden führt sie nach Wounded Knee. Und jedes Mal, wenn ich über diese Kreuzung fahre, ist jener Tag im Sommer 1981 vor mir, als sie versuchten, mich umzubringen:

O-TON:
I come to a screeching halt and a sickening crash. Basically it was somebody who spun my vehicle. Which basically means that you have to take an expert driver to do that. That means when you hit the front end of the car just right like spinning a ball. And that is what happened to me. The car went and hit me from the right side: And he did not stop at the stop sign. He spun me around and by spinning around I got thrown out of the vehicle. And I was laying there and when I heard the vehicle coming around I thought he is coming back to see if I am okay. He just keep coming keep coming . 3 or 4 metres away, 10 yards or so away from me. And I though that he was going to stop. But it kept on coming. Then it occurred to me that I should try to get out of the way. So just as I started to turn my head. It hit me and it cut that tire right about my shoulder, my head and if I did not roll he would have run over my head you know. But I missed that by 4 inches with a tire.

VOICE-OVER:
Ich höre plötzlich ein krachendes Geräusch, das mir durch und durch geht. Ein Pick-up, einer dieser Kleinlaster, wie sie auf dem Reservat üblich sind, trifft mich von rechts, die Bremsen quietschen, ich versuche zu halten, aber ich bin mit dem Wagen verkeilt, er nimmt mich mit, hält nicht am Stopp-Zeichen. Sowas erfordert Fahrkunst. Er bringt mein Fahrzeug zum Schleudern, es dreht sich, meine Tür öffnet sich und ich werde auf die Straße geschleudert. Der andere Wagen bremst und wendet. Ich liege benommen am Boden und sehe die Räder auf mich zukommen, und je näher sie kommen, umso deutlicher wird mir, dass sie genau auf mich zielen. In der letzten Sekunde drehe ich den Kopf zur Seite, und das Vorderrad fährt mir über die Schulter, etwa eine Handbreit an meinem Kopf vorbei.

(Milo weint)

O-TON:
Any way tore up my head and tore up my shoulder, separated my elbow my back ... doctor described it as full body trauma. A full body trauma. And my back was fractured at three places, both of my legs were broken, what they call a complex fracture in my left leg and in my right ankle you know pretty much broken at three or 4 different places there. But the funny thing about it - no major arteries were broken in spite of all of that. And then the funny thing about it was incredulous being left there. I could see the guy for the second time, all that I could think was is that what the broken bone feel like? Every thing was stinging. I was trying to roll over on my back but everything hurt and I tried to put my hand, my hand was bloody and bones were sticking out.

VOICE-OVER: Meine Schulter war ausgekugelt und mein Ellbogen. Die Ärzte sprachen später von einem Ganzkörper-Trauma. Mein Rückgrad war an drei Stellen gebrochen, beide Beine waren gebrochen, ein ziemlich komlizierter Bruch links und ein vierfacher Fersenbruch rechts. Aber das erstaunlich war, dass keine wichtigen Blutgefäße verletzt waren.

Ich liege zerschmettert da und sehe, wie der Wagen ein zweites Mal auf mich zu fährt, ich versuche, wegzurollen, alles im Körper sticht, ich hebe meine blutige Hand und sehe, dass ein Knochen raus ragt. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

O-TON:
Pretty soon there was lot of screaming going on so thought I did not a chance to say good by to my mom. Then I got the feeling I was not going to die. Not going to die.

VOICE-OVER:
Als ich wieder zu Bewusstsein komme, ist ich Geschrei um mich herum. Mein erster Gedanke ist: ohh, ich hatte keine Gelegenheit mehr, mich von meiner Mutter zu verabschieden. Aber dann spüre ich die Sicherheit, dass ich nicht sterben werde.

O-TON:
Pretty soon I heard a kid's voice say: Oh uncle, does it hurt you?. I said: No, no, not yet. He was sitting and going ehaaa, ehaaa.... Somehow that Idea is taking pain is away from you. And the crazy thing, you know, was: the ambulance from Gordon, Nebraska, was the first one to get there. But they didn’t pick me up, they said they would wait for the Indian Health Hospital to come and pick me up. So they sat there and I was lying on the ground and we were waiting for the ambulance from Pine Ridge to come and pick me up. From there they flew me to Fitzsimmons Hospital in Denver, Colorado. Completely away from every place else. And from that end of July date till 26th, 27th it took me till December 23rd to get back to Pine Ridge. And during that time it was physical therapy, occupational therapy, all these kinds of things to put me back together. I had three surgeries in 24 hours. (...)I am reminded every time I drive to highway 18 about that. For years I did not try to think about it. Only that I was glad that I survived. Now they would stand up and walk. I had to relearn all this stuff. And so I am reminded of that: Every time I go to the Wounded Knee, to the post office.

VOICE-OVER:
Ich hörte eine Kinderstimme: Onkel, tut es weh? Nein, noch nicht, sagte ich. Der Krankenwagen aus Gordon, Nebraska, traf als erster ein. Aber die Sanitäter ließen mich liegen und warteten auf den Indian Health Service aus Pine Ridge, der für mich als Reservatsbewohner zuständig war. Ich wurde schließlich mit einem Hubschrauber nach Denver, Colorado, geflogen – ins Fitzsimmons Hospital, ein ehemaliges Militärkrankenhaus. Dort flickten sie mich wieder zusammen, ich war fünf Monate dort, vom Juli bis Dezember, gleich am Anfang hatte ich drei Operationen in 24 Stunden. Mir blieb nichts als zu hoffen, dass ich wieder auf die Beine kommen würde. Immer wenn ich auf dem Highway 18 nach Westen fahre, muss ich daran denken. Viele Jahre habe ich versucht, diese Erinnerung zu verdrängen und mich darauf zu konzentrieren, dass ich überlebt habe und wieder gehen kann. Das Gehen musste ich ja erst wieder lernen. Die Bilder melden sich jedes Mal, wenn ich nach Wounded Knee fahre und meine Post hole.

MUSIK: Rock von KILI Radio (bleibt unter dem Text) "Redman" aus Rapid City.

AUTOR:
Wir hören KILI-RADIO. Der Radiosender, der seit 1983 täglich sendet, war der Vorreiter, in zahlreichen Reservaten in den USA und in Kanada folgten Radiostationen. KILI sendet in English und Lakota, und ist damit allein schon die Manifestation des kulturellen Überlebens. Die Sendestation steht nordöstlich von Wounded Knee am Fuß eines kleinen Berges, der unvermittelt aus der Prärie ragt: dem Porcupine Butte. Porcupine ist auf Englisch das Stachelschwein. Und wie eine Stachelschweinborste ragt der dünne Sendemast in den Himmel. Sämtliche Diskussionen zur aktuellen Stammespolitik wie auch relevante Themen aus der Welt draußen finden in den Sendungen hier ihren Niederschlag und Widerhall. Die Musik ist – neben traditionellen Songs und Tänzen der Lakota – Rapp, Country & Western, Folk, Blues, Rock und Rapp. Milo Yellow Hair gehörte zu den Radiomachern der ersten Stunde.

O-TON:
I was the early morning man. The Wakalabe Man, they call it. The radio station itself was [....] what happened in 1973. Ten years later 1983, the radio station became a reality. We are on the dial 19.1 we try to use the Lakota language and paying attention to the nuances of the Lakota people. The radio station is 100,000 watts and covers an area of 80 miles radius. So it is a powerful tool. But I happened to be the early morning guy. So. I was driving I had to be there, the program began at 6. So we had to go and be there at 5. The transformers warm up for 35 minutes. [....]to make sure we can send out the voice. In the beginning [....]radio we were every thing: we were the disc jockey, the programmer, we were also the engineer, we were also the janitor, the receptionist. All these things have to roll into one. Secretary too. Make sure we get the information out in time.

VOICE-OVER:
Ich war der Wakalabe-Mann, also als erster am Mikrophon. Dieser Reservats-Sender verdankt seine Existenz der Besetzung von Wounded Knee 1973. KILI Radio ist die Stimme der Lakota, zuerst war es eine kühne Idee und zehn Jahre nach Wounded Knee wurde daraus Realität: KILI sendet seit 1983 auf 90.1 UKW und täglich gibt es Sendungen in der Lakota-Sprache, die ja eine Sprache ohne Schrift ist – Radio ist also das ideale Medium. Die Kapazität beträgt 100 000 Watt, der Senderadius etwa 120 Kilometer. Ich war in den ersten Jahren als Disk-Jockey tätig, als Early Morning DJ sozusagen, um 6.00 Uhr begannen wir zu senden, um 5.00 Uhr musste man da sein und die Maschinen anwerfen, die Transformatoren brauchten 30 Minuten bis sie warm waren. Als KILI anfing, hatten wir alle mehrere Jobs, der Disc Jockey musste auch am Empfang sitzen, musste sich im Studio auskennen, war Toningenieur, Programmplaner und Hausmeister; selbstverständlich auch sein eigener Sekretär.

O-TON: Nachrichten von KILI in Lakota

AUTOR:
KILI-Radio verbindet die Menschen, die hier weit verstreut wohnen, und wird von allen Lakota als demokratisches Medium geschätzt. Besondere Bedeutung kommt dem Wetterbericht zu; ein Tornado über der Prärie verlangt Vorsorge. Jene, die nahe der stammeseigenen Bisonherde leben, können am Verhalten der Tiere erkennen, wenn sich etwas zusammen braut. Die anderen brauchen KILI. Doch einmal, als ein Schneesturm das Reservat beherrschte, blieb KILI stumm, denn der Wakala-Mann, der als erster am Mikrophon sein sollte, saß in einer Schneewehe fest. Milo rechnete damit, zu erfrieren.

O-TON:
I spent there all day long and then the whole night again. About half the next day you know after 36 hours or so after I fell into the ditch [....] Finally the road grader came by and pulled me out of the ditch. Yeah, they were all looking for me. That was another time for me I was prepared for death.

VOICE-OVER:
Nach 36 Stunden kam der Schneepflug dann und sie zogen mich raus. Sie konnten die Suche erst aufnehmen, nachdem der Sturm nachgelassen hatte. Das war auch eine der Situationen, in denen ich mich auf den Tod vorbereitet hatte.

O-TON: KILI-Radio, Lakota-Sprache, Musik

AUTOR:
Jedes Jahr Ende Februar treffen sich in Wounded Knee Aktivsten von damals mit Jugendlichen des Reservats, um ihre Geschichte weiterzugeben an die kommenden Generationen. Sie blicken dann zurück und fragen sich, ob es das alles wert war? Ja, werden sie auch nach vierzig Jahren sagen: It was a good day to die. Sie werden sich alte Geschichten erzählen und ganz neue. Und sie werden sich fragen: Was haben wir erreicht?

SPRECHERIN:
Ein Reservats-Radiosender, der quer über den Kontinent als Vorbild dient; eigene indianische Colleges, verteilt über die USA sind es inzwischen über 30; in Hollywood haben indianische Schauspieler und Regisseure die Klischees von der Leinwand verbannt und für authentische Darstellungen gesorgt, Literaturpreise gehen an Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die aus ihrer Stammeskultur schöpfen; indianische Naturauffassung wird, befreit von Exotik und Romantik, von Ökologen diskutiert; die Anti-Atom-Bewegung erhält starke Impulse von indianischer Seite. Vierzig Jahre nach Wounded Knee läßt sich sagen: Es hat sich viel getan.

AUTOR:
Dennoch liegt über allem bis heute ein Schatten.

O-TON: Kevin McKiernan:
It was a long time but it seems like yesterday in many respects. In those days the Pine Ridge Reservation was a place of great violence with little or no law enforcement. If you wanted, as a reporter, gather information about the American Indian Movement or Lakota traditionals, there was a price to pay.

AUTOR:
Kevin McKiernan erinnert sich. Er war einer der wenigen Journalisten, die nach der Belagerung von Wounded Knee immer wieder in das Reservat zurück kehrten. Und dort herrschte weiter die Gewalt der GOONs, die wiederum vom FBI unterstützt wurden.

O-TON: Kevin McKiernan:
I was a number of journalists personally threatened and assaulted physically by vigilantes associated with Wilson’s tribal government. My pick-up truck, at another occasion was hit by a bullet and another time the breaks of my car were cut. At that time, most of the traditional people on Pine Ridge believed that the FBI targeted the AIM-Indians as they were called and overlooked crimes that were committed by Wilson and its followers. George O’Clock, the special agent of the Rapid City office, once told me some years later that the FBI got its squad team from Pine Ridge, that during this period between 1973 and 76, the FBI used Pine Ridge as a squad training ground for as many as 2600 FBI agents – that was a period of only three years, and that’s when most of the abuses took place. There is strong evidence of a relationship between the Goons and the FBI. US-Judge Frederik Nichols once told me that the Goons and the FBI worked together because they all were against the American Indian Movement. In another interview Senator James Abourezk told me that the FBI chose sides in the Pine Ridge conflict, failed to investigate an epidemic of Indian killings and engaged in the selective prosecution of AIM members.

Years later I interviewed the commander of the Good Squad, Duane Brewer, who was(...) well known on the reservation, in fact, he was a member of the tribal police; on camera he told me that the FBI provided him with intelligence on activities of the AIM members and the FBI agents had supplied him with armor piercing bullets to use against the American Indian Movement.

VOICE-OVER:
Wer sich als Journalist mit dem American Indian Movement befasste, wurde von den Goons verfolgt und bedroht, einmal wurde mein Wagen von einem Geschoss getroffen, ein andermal funktionierten die Bremsen nicht mehr. Jahre später konnte ich George O’Clock sprechen, der das FBI-Büro in Rapid City leitete. Er sagte mir, dass sie in den Jahren 73 bis 76 das Reservat Pine Ridge als Trainingscamp benutzten und, sage und schreibe, 2600 Agenten ausgebildet haben. Das war genau die Zeit, in der die meisten Morde geschahen. Es gibt genügend Beweise für die Zusammenarbeit des FBI mit den Goons. Richter Fred Nichols bestätige dies, ebenso Senator James Abourezk. Ich konnte später auch den Stammespolizisten Duane Brewer interviewen, der die Goons kommandierte. Vor laufender Kamera gab er offen zu, dass das FBI seine Truppe im Kampf gegen AIM mit Munition versorgte, die auch kugelsichere Westen durchschlagen konnte.

AUTOR:
Diese Ära der Angst verkörpert bis heute Leonard Peltier, der seit 1976 im Gefängnis sitzt. Er war am 26. Juni 1975 in eine Schießerei verwickelt, die von zwei FBI-Agenten ausgelöst worden war. Man habe – so die Verlautbarung des FBI – einen Jugendlichen verhaften wollten, der bei einem Überfall ein Paar Cowboy-Stiefel gestohlen hatte. Den genauen Hergang des Einsatzes wird man wohl nie erfahren. Am Schluss des Schusswechsels lagen die zwei FBI-Agenten und ein junger Indianer tot am Boden. Von den drei steckbrieflich gesuchten AIM-Mitgliedern wurden zwei – Bob Roubideau und Dino Butler – kurz darauf in South Dakota gefasst; der dritte – Leonard Peltier – war inzwischen nach Kanada geflohen. Wäre er in den USA geblieben, er befände sich heute auf freiem Fuß. Denn Roubideau und Butler wurden beim Prozess in Iowa freigesprochen; die Geschworenen erkannten die Selbstverteidigung an.

SPRECHERIN:
Jetzt war Leonard Peltier im Fadenkreuz der Polizeikräfte, quer über den Kontinent wurden Steckbriefe ausgehängt. Anfang 1976 spürte man ihn in Kanada auf und lieferte ihn auf Grund von Zeugenaussagen, die das FBI selbst verfasst hatte, an die USA aus. Dass Myrtle Poor Bear, die Kronzeugin für den Doppelmord, vor Gericht in Fargo, North Dakota, zusammen brach und zugab, zur Unterschrift gezwungen worden zu sein und Leonard Peltier nicht einmal zu kennen, änderte nichts am Prozessverlauf: Peltier wurde zu zweimal lebenslänglich verurteilt, mit dem Zusatz: Die Strafe ist nacheinander abzuleisten.

Nichts von dem, was seine Schuld beweisen sollte, hielt einer Überprüfung stand. Selbst ballistische Berechnungen waren verändert worden. Ein neuer Prozess wurde Peltier verweigert. Da der Vorwurf des zweifachen Mordes nicht zu halten war, verwandelte das Gericht die Anklage in Beihilfe zum Mord - aiding and abetting – bei gleicher Strafe. Da halfen auch Interventionen von prominenter Seite nicht: Der Erzbischof von Canterbury, Erzbischof Desmond Tutut, Nelson Mandela, der Dalai Lama, 55 US-Kongressabgeordnete, Parlamentarier aus Kanada und Mitglieder des Europa-Parlaments, alle führenden indianischen Organisationen, selbst einstige Richter und Ankläger sprechen sich immer wieder für seine Freilassung aus.

MUSIK: Akzent von Keith Secola

AUTOR:
37 Jahre Gefängnis sind es in diesem Winter. Doch Leonard Peltiers Geist ist ungebrochen. Nun ist er 69 Jahre alt, ergraut, gebeugt, er hat Diabetes, hohen Blutdruck, dazu kommt die Erblindung auf einem Auge in Folge eines Schlaganfalls. Ärztliche Versorgung muss er sich erkämpfen. Jahrelang konnte er sich wegen einer Kiefernsperre nur mit Hilfe eines Strohhalms ernähren. Erst als ein Arzt der Mayo Clinic seine Dienste gratis anbot, wurde er 1999 operiert. Eine Nachbehandlung wäre von Nöten, doch die wird ihm verweigert. Täglich gehen Petitionen im Weißen Haus ein, die seine medizinische Betreuung fordern und eine Begnadigung durch den Präsidenten. Häufig musste er das Gefängnis wechseln, für seine Familie in North Dakota und seine Verteidiger eine zusätzliche Erschwernis; seine derzeitige Adresse ist das Hochsicherheitsgefängnis Coleman in Florida. Wenn er genügend Farben hat, dann malt er. Das hat er sich selbst beigebracht, eine Zeitlang hat der Verkauf seiner Bilder die Anwälte finanziert. Er fing an zu dichten, und gab mehrere Jahre aus der Zelle die Zeitung "Crazy Horse News" heraus; außerdem veröffentlichte er seine Biografie "My Life is My Sundance".

Zweimal konnte ich Leonard Peltier besuchen, seit 2002 darf er keine Journalisten mehr sehen. Bob Roubideau, der an dem Schusswechsel beteiligt war und damals beim Prozess in Iowa frei gesprochen wurde, starb 2012. Vor seinem Tod bekannte er, die zwei Agenten erschossen zu haben. An Leonard Peltiers Situation hat dieses Geständnis nichts verändert. Er soll, so geben die Behörden Auskunft, 2040 frei gelassen werden; er wäre dann 96 Jahre alt.

MUSIK/AUTOR:
Bei meinem Besuch 2002 im Staatsgefängnis von Leavenworth, Kansas, las er aus seinen Gedichten vor. Im Hintergrund summte der Getränkeautomat.

O-TON: Leonard Peltier liest ein Gedicht


SPRECHER:

Das Messer in meinem Kopf

Ich habe keine Gegenwart
ich habe nur Vergangenheit
und vielleicht die Zukunft

die Gegenwart haben sie mir genommen

In einem leeren Raum bin ich
an seinem Dunkel schnitze ich
mit dem Messer in meinem Kopf

mich selbst muss ich von Neuem schnitzen
aus dem Stacheldraht-Nichts

Ich werde den Rausch wieder neu erfahren
mit dem Schmerz der Freiheit

ich werde mit einem Mal wieder gewöhnlich sein
einfach gewöhnlich

Dieser Zustand, der Angst einflößt
und doch voller Möglichkeit ist
in ihm gibt es Gegenwart

ihr musst du dich stellen



O-TON: Milo singt ein Lied

ABSAGE/Stationssprecher: (über Musik)
Sie hörten:
Milo Yellow Hair holt seine Post –
Erinnerungen an den Aufstand von Wounded Knee 1973

Ein Feature von Claus Biegert
Es sprachen Reinhard Glemnitz, Gert Heidenreich, Sabine Kastius und der Autor
Regie: Claus Biegert
Technik: Roland Böhm
Redaktion: Martina Boette-Sonner