Gesendet am 27. Dezember 2011 im KULTURWELT, Bayern 2

Das Fukushima-Jahr
geht zu Ende

Fukushima

Fukushima steht für die Unbelehrbarkeit einer technologiehörigen Gesellschaft


Fukushima – ein Ortsname, der eine Kette von Bildern explodieren lässt; Bildern, die sich unlöschbar in das Jahr 2011 eingebrannt haben. Fukushima steht für tiefes, viele Generationen überdauerndes Leid, für das kein Feind verantwortlich gemacht werden kann; kein Gegner im herkömmlichen politischen Sinne, den man besiegen könnte. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima steht für die Unbelehrbarkeit einer technologiehörigen Gesellschaft.

Radioaktivität wandert mit den Winden und den Strömungen der Meere und hat die Menschen global vereint. Für viele Politiker und Techniker aber gehört das Bild einer Erdkugel oft nicht zum Repertoire. In ihren Köpfen gibt es nur die politische Weltkarte, in der jedes Land seine eigene Farbe hat. Es ist absurd: In einer Welt der Globalisierung endet der Horizont an der eigenen Staatsgrenze. Das Weltklima findet dahinter statt. Atomare Verseuchung ebenso. Umso erstaunlicher, dass UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon öffentlich kund tat, dass Radioaktivität keine nationalen Grenzen kenne.

Katastrophen bringen alte soziale Muster zum Vorschein. Sie können diese auch ad absurdum führen. Die landwirtschaftlichen  Betriebe der Regionen Fukushima, Miyagi und Iwate haben Absatzschwierigkeiten, für viele bedeutet es den wirtschaftlichen Ruin. Im übrigen Japan will man sich solidarisch erweisen, will man zeigen, dass man sich mit den Opfern identifiziert. Eine Hilfskampagne wurde gestartet. Mit dem Ergebnis: Obst und Gemüse aus den radioaktive verseuchten Gebieten werden gezielt gekauft und verspeist. Strahlende Solidarität. Die Regierung ging noch weiter: Waren aus den kontaminierten Regionen sollen in Entwicklungsländer exportiert werden.

In Kyoto (seit der ersten Weltklima-Konferenz auch ein Ort, der menschliches Unvermögen symbolisiert) – in Kyoto also sollte  letzten Sommer für die Bergfeuer eines buddhistischen Rituals Kiefernholz aus der Region Fukushima verbrannt werden. Das Holz war eine Spende, denn der Tsunami hatte rund 70 000 Kiefern entwurzelt. Doch vor Ort regte sich Widerstand: Eine breite Front von Müttern aus Kyoto protestierte. Sie wollten keinen mit Caesium angereicherten Rauch. Daisatu Kadokawa, der Bürgermeister von Kyoto, verbot darauf hin das Verbrennen von radioaktive verseuchtem Holz. In den Augen vieler Japaner ist Kadokawader jetzt nicht mehr geeignet, das Bürgermeisteramt zu besetzen. Rund 2000 Protestanrufe und Emails gingen im Rathaus ein. Mit der Ablehnung habe man die Gefühle der Menschen aus den Opfergebieten verletzt, lautete wiederholt der Vorwurf. 

Es gibt aber auch Muster, die erweisen sich gegen Katastrophen immun: Zwei japanische Elektronik-Firmen – Toshiba und Hitachi – gelten als Experten der Nukleartechnologie. Toshiba und Hitachi sind Konkurrenten. Nun wurden beide von der Betreiberfirma TEPCO zu Hilfe gerufen. Beide kamen. Aber sie kamen als Konkurrenten. Tomohiko Suzuki, ein Journalist, der sich unter falschem Namen als Arbeiter anheuern ließ und inzwischen entdeckt und gefeuert wurde, erzählt, dass beide Firmen nicht miteinander kommunizieren und dadurch die Arbeit behindern. Außerdem, so Suzuki, wenn eine der Firmen eine Lösung vorschlug, die extra Kosten verursacht hätte, wurde sie abgelehnt.

Vielleicht hat die finanzielle Entscheidung mit einer Regierungsausgabe ganz anderer Art zu tun: 30 Millionen Dollar, so melden Greenpeace und andere Organisationen, wurden für eine Eskorte bereit gestellt, die die japanischen Walfang-Flotten gegen Störungen durch Tierschützer und Umweltaktivisten abschirmen sollen. Der Betrag, so hören wir, wurde von der Tsunami-Hilfe abgezweigt.

Hat Fukushima die Atomstaaten zur Umkehr gebracht? Wir kennen die Antwort: Nein! Die Verdrängungskraft ist stärker als der Leidensdruck. Ärzte sprechen bei uneinsichtigen  Patienten vom Leidensdruck, der allein ein Handeln auslösen kann. Einzige Ausnahme: Frau Merkel, unsere Kanzlerin. Der deutsche Ausstieg steht einsam da. Leidensdruck war es, nicht die Vernunft. Vor Jahr und Tag, als es allein um Vernunft ging, führte Frau Merkel, eine gelernte Physikerin, das Umweltministerium – und war lautstark auf der Seite der Kernkraft und ließ das Zwischenlager Asse mit Atommüll füllen.

Fukushima lässt überall seltsame Blüten treiben: Ein Kolumnist des Guardian, Englands progressiver Tageszeitung, lässt uns wissen, dass er, ein Kernkraft-Zweifler, durch Fukushima jetzt zum Kernkraft-Befürworter geworden sei. Denn nun sei für ihn bewiesen, schreibt er, dass die Katastrophe durch menschliche Umsicht und technische Vorsorge hätte vermieden werden können. Seine Folgerung: Menschliche Umsicht und technische Vorsorge wird diese Technologie beherrschbar machen.

Und, wie hätten wir es anders erwartet, die Fukushima-Katastrophe ruft zum Jahresende auch den digitalen Weltenretter Bill Gates auf die Bühne. Der Mikrosoft-Mitgründer will gemeinsam mit der chinesischen Regierung die Entscheidungsträger dieser verseuchten Erde von seinem Konzept überzeugen; in Washington, D.C. hat er bereits ein Lobby-Büro seiner Firma "Terrapower" eröffnet. Viele kleine Reaktoren auf allen Kontinenten sollen endlich die ersehnte Sicherheit in der Energiegewinnung bringen. Das Thema Sicherheit werde eine neue Ebene erreichen, versichert Gates. der Müll seiner Mini-Meiler werde gering sein, und abgereichertes Uran, bis jetzt ein Abfallprodukt, werde als Brennstoff dienen. Die Probleme der Kernkraft heute – vergessen! Dem Bill Gates-Atomkraftwerk gehört die Zukunft! Als Partner hat Gates die japanische Firma Toshiba auserwählt.

Wir haben also noch einiges vor uns.