Gesendet am 20. März 2011 im Kulturjournal Bayern 2

Fukushima und unsere Hybris

Kurosawa, Mount Fuji in Red

von Akira Kurosawa: "Fujiyama in Rot"


Die Kernspaltung beherrschen wir. Dank der bahnbrechenden Arbeiten von Otto Hahn, Fritz Strassmann und Lise Meitner vor über 70 Jahren. Diese Fähigkeit hat in uns eine Hybris implantiert, die bis heute in den industriellen Eliten vorherrscht und die uns vorgaukelt, wir Menschen würden auch die Konsequenzen der Kernspaltung beherrschen. Eigentlich faszinierend: Rationale Naturwissenschaft trifft hier auf eine Paarung aus Gottvertrauen und Gott-sein-wollen; dazu noch Profitkalkül und die Bereitschaft zu Menschenopfern. Diese Mixtur ist die Grundlage der Wahnvorstellung, das Unbeherrschbare im Griff zu haben. Ein Handeln wider besseres Wissen. Fest verankerte Experten haben die Oberhand. Experten, die die Gefahren leugnen und vorgeben, alles zu wissen. Kritiker werden diffamiert. Panikmache und Technikfeindlichkeit wird ihnen vorgeworfen, wenn sie die Fakten beim Namen nennen.

Japans Nordostküste gleicht einem Schlachtfeld. Wir sind gewohnt, auf Angriffe mit Verteidigung zu reagieren. Das reicht vom Faustkeil bis zur Bombe. Ein Feind erleichtert immer das Problem, denn ein Feind ist besiegbar. Den Gegner zu bezwingen – und damit das Problem aus der Welt zu schaffen – das ist nach dieser Vorstellung allein eine Frage der militärischen Stärke. Doch jetzt passen die alten Bilder nicht mehr: Der Feind ist Mutter Erde! Sie, die uns ernährt, sie, auf der wir leben, sie soll unser Feind sein? Nun, dazu ist zu sagen, dass wir, die Erdbewohner, das gesamte 20. Jahrhundert nichts anderes getan haben, als sie anzugreifen, sie zu zerstören, sie auszubeuten, sie zu vergiften, sie unbewohnbar zu machen. Wir nehmen uns bedenkenlos, was wir zur Aufrechterhaltung unseres exzessiven Lebensstils brauchen und zerstören dabei, was wir zum Leben brauchen. So gesehen, sollte ein Aufbegehren der Erdkruste nicht überraschen. Doch diese Katastrophe ist größer; nicht die Natur, sondern der Mensch hat sie verursacht.

Der japanische Filmregisseur Akira Kurosawa zeigt 1990 in seinem Episodenfilm "Träume" gegen Ende eine Traumsequenz, die den Titel trägt "Fujiyama in Rot". "Ist der Fujiyama ausgebrochen?" ruft ein junger Mann; eine Mutter mit zwei kleinen Kindern berichtigt ihn: "Viel schlimmer! Wissen Sie nicht, das das Kernkraftwerk explodiert ist?" Die Flucht der Menschen endet an einer Klippe im Meer. Das Grauen zieht in giftigen Farbschwaden vorüber: Plutonium ist rot, Strontium gelb, Cäsium lila – "Das sind die Visitenkarten des Todes", sagt ein Herr im Anzug. Sie sehen die Delfine fliehen. "Glückliche Delfine", sagt die Mutter. "Es wird ihnen nichts nutzen", sagt der Herr im Anzug, "die Radioaktivität wird sie erwischen." Siebeneinhalb Minuten dauert der kleine Film, der auf einem Traum des Regisseurs beruht. Kritiker warfen ihm damals vor, sein Werk sei schlicht und plump. Zwanzig Jahre später wirken diese Bilder unheimlich präzise und prophetisch.

Wer ist schuld? Schuldige zu suchen ist menschlich. Aber wie schaut das Täterprofil aus? Zählt dazu die japanische Betreiberfirma Tepco, der man so mache Schlamperei nachsagen kann? Oder die Behörden, die erlaubten, einen Reaktorkomplex in einer derart erdbebengefährdeten Region zu errichten? So nah am Japangraben, jener über 8 Kilometer tiefen und 800 Kilometer langen Tiefseerinne im Pazifik, wo sich die tektonischen Platten treffen? Wer ist schuld?

Ist die Industrienation Japan zu weit gegangen? Seit die Menschheit existiert gehen wir an Grenzen. So haben wir uns in der Evolution hochgearbeitet bis zu unserer nuklearen Zivilisation. Neue Grenzen haben wir längst ins Visier genommen: den Eingriff in die DNA , das Spiel mit der künstlichen Intelligenz, das Fieber der Nano-Technologie, eigentlich sind wir schon längst auf dem Weg zu neuen unsicheren Ufern. Jetzt hat Fukushima uns zurück geholt.

Wer ist schuld? Die Frage zwingt zu einer Reise in die Vergangenheit. Der italienische Physiker Enrico Fermi hatte 1942 seinen Versuch für die erste nukleare Kettenreaktion in einem Sportstadion in Chicago aufgebaut. Ob Chicago und seine Bewohner dabei zu Schaden kommen würden, war kein Thema. Robert Oppenheimer und sein Team zündeten am 16. Juli 1945 im Morgengrauen in der Wüste von New Mexico die erste Atombombe – der Versuch hieß "Trinity – Dreifaltigkeit" – und keiner der Wissenschaftler und Ingenieure war sich sicher, ob die Atmosphäre von der nuklearen Explosion nicht entzündet werden würde. Sie waren sich nicht sicher und taten es trotzdem.

Die ersten praktischen Einsätze der neuen Waffe erfolgten dann in Japan; die Städte Hiroshima und Nagasaki zeugen heute noch davon. Es ist eine gespenstische Klammer, dass die Insel von einem neuen atomaren Inferno heimgesucht wird, während die Überlebenden der ersten Zerstörung vor 65 Jahren und ihre Kinder noch immer an den Strahlenfolgen leiden. Die Nuklearindustrie war sich klar, dass mit Bomben das Geschäft nicht auf Dauer florieren würde. Man erfand also das sogenannte "freundliche Atom" und sorgte dafür, dass die zivile Nutzung der Kernspaltung zum Segen der Menschheit von der Menschheit auch angenommen wurde. Dazu wurde 1957 in Wien eine eigene Agentur etabliert: die International Atomic Energy Agency, kurz IAEA. Diese Agentur erhielt von den Atommächten das Mandat, dafür zu sorgen, dass alle Länder der Welt sich diesem Energiekonzept anschließen. Damit dieser Plan auch aufgeht, schloss die Agentur auf Anregung der Atommächte 1959 einen Vertrag mit der Weltgesundheitsorganisation WHO. Dieser Vertrag schränkt die WHO bei allen Verlautbarungen, die Gesundheitsschäden durch Radioaktivität betreffen, massiv ein. Sämtliche Studien, sämtliche Warnungen, was immer mit radioaktiver Strahlung und ihrer Auswirkung auf den menschlichen Organismus zu tun hat, muss erst der Agentur in Wien vorgelegt werden. Diese Zensur besteht bis heute. Deshalb gilt offiziell der Gebrauch von Uranmunition als ungefährlich, deshalb gibt es offiziell keine erhöhte Krebsgefahr um Atomkraftwerke, deshalb werden länderübergreifende medizinische Krebsregister verhindert. WHO-Mitarbeiter, die sich nicht an die Zensur halten, müssen gehen. Seit Mai 2010 fordern Wissenschaftler, Ärzte und Politiker in einem Internet-Manifest die Unabhängigkeit der WHO. Wohlstand durch Atomkraft. In Deutschland legte sich die Atomindustrie eine eigene PR-Agentur zu: das "Deutsche Atomforum". Ihr Präsident, Ralf Güldner, sagte vier Tage nach Fukushima: "Die Situation in Japan ist ein einmaliges Ereignis. Da kamen zwei Naturkatastrophen zusammen. Ein Jahrhundertbeben und ein Tsunami. Daraufhin brach die gesamte Infrastruktur zusammen. Eine solche Verkettung ist in Deutschland nicht vorstellbar."

Seit über 50 Jahren schreibt das Atomforum die Texte, die dann Eingang in Regierungsstellungnahmen zur Energieversorgung finden. Da ist dann zu lesen: "Die Uran-Versorgungssicherheit ist im Vergleich zu Gas und Öl sehr hoch, da die Uranreserven in überwiegend politisch stabilen Regionen liegen und der Kernbrennstoff wegen seiner sehr hohen Energiedichte und daraus resultierenden geringen Menge für die Reaktoren für viele Jahre vorrätig gelagert werden kann. Kernenergie ist deshalb quasi einheimische Energie, weil die Veredelung des Urans in Deutschland erfolgt."

Diesen Worthülsen gegenüber muss sich ein Begriff behaupten, der immer dringender wird und immer häufiger im Vokabular internationaler Konferenzen auftaucht: Technikfolgenabschätzung. Die Industrie scheut eine Technikfolgenabschätzung, denn sie steht dem Gewinn entgegen. Den vier großen deutschen Energieversorgungsunternehmen RWE, E.on, Vattenfall und EnBW beschert jeder Tag, den ihre Reaktoren länger am Netz sind, pro AKW überdimensionale Gewinne. Es ist verständlich, dass dieses Quartett an der Markteinführung von dezentralen erneuerbaren Energien nicht sonderlich interessiert ist. Die Folgen der Kernenergie nehmen im strahlenden Müll Gestalt an, der täglich weltweit wächst und für dessen sichere Verwahrung – die Atomindustrie spricht hier von Entsorgung – bis heute weder ein Ort noch eine Methode gefunden ist. Wer ist schuld? Schuld sind alle, die daran festhalten. Eine Technologie, die keine Fehler erlaubt, ist menschenfeindlich. Denn Fehler sind menschlich. Fehler gehören zum Lernen auf dem Weg zur Erfahrung. Wer Fehler ausschließt, hat vom Leben keine Ahnung. Die Biologin Christine von Weizsäcker hat dazu einen Begriff geprägt: "Fehlerfreundlichkeit". Auf Fehlerfreundlichkeit müssen wir künftig unser Energiekonzept überprüfen.

Nach den Katastrophen von Majak und Windscale, nach Harrisburg und Tschernobyl sprechen die Verantwortlichen trotz ausufernder Probleme in der Endlagerung von einer "Brückentechnologie". Brücken suggerieren Sicherheit, Brücken führen an ein anderes Ufer. Der Begriff täuscht die Anbindung von einer zur anderen Seite vor. Zwischen Atomenergie und nachhaltigen Energiequellen aber gibt es keine Verbindung. Erst wenn das alte Paradigma weicht, kann das neue sich ausbreiten. Je stärker die sogenannte Brückentechnologie ausgebaut wird, umso mehr entfernt sich das Ufer der Nachhaltigkeit, zu dem sie führen soll. Täuschende Titel gehören zu einer Kultur des Verdrängens. Verdrängt wird auch das Größenverhältnis der Kernenergie zum globalen Verbrauch: Nur 2,5 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs werden durch die 442 Kernkraftwerke abgedeckt. Der Solarenergie-Politiker Hermann Scheer schreibt in seinem letzten Buch "Der energetische Imperativ" das kurz vor seinem Tod erschienen ist: "Dass sich die erneuerbaren Energien vollständig durchsetzen, hat die Natur vorentschieden. Die Primärenergiewirtschaft, die ihre Existenz allein den fossilen Ressourcen und dem Uran verdankt, wird von der Bildfläche verschwinden – entweder früher oder zu spät."

Wir bekunden Sympathie für die Menschen in Nordafrika, die gegen ihre Diktatoren auf die Straße gehen. Müssen wir in Europa nicht auch Tag und Nacht auf die Straßen gehen, bis wir uns aus der nuklearen Diktatur unserer Energieoligarchen befreit haben? Dürfen wir das Wohlergehen unserer Nachkommen aufs Spiel setzen, indem wir die Entscheidungen über unsere Zukunft jenen überlassen, die weiterhin den Gewinn einer Industrie höher ansetzen als das Wohl der kommenden Generationen? In einer Kultur der Verdrängung muss eine Kraft der Straße die Oberhand gewinnen. Entweder früher oder zu spät.

Noch ein Nachtrag: Die Fukushima-Tragödie hat uns aus der Bahn geworfen, das Erdbeben hat die Erdachse verändert, wir wissen noch nicht, ob das Ende des Atomzeitalters wirklich kommt – auch wenn vergangene Woche das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" damit titelte. Selbst wenn alles nicht passiert wäre, wäre es dennoch an der Zeit, diese Technologie der Apokalypse zu beenden. Denn der Rohstoff Uran bringt den Tod, sobald er der Erde entnommen wird. Ob in Nordamerika, Australien oder Afrika, alle Uranabbaustätten sind Stätten des Sterbens und des Siechtums. Vor allem sind es die Lebensräume indigener Völker. Jede Tonne Uranoxid, die in unseren Atomkraftwerken landet, zieht Leichen hinter sich her. Eine Gesellschaft, die Kernenergie bejaht, ist eine Gesellschaft, die Menschenopfer wissentlich einkalkuliert. Die Hölle von Fukushima ist laut und hat uns alle aufgeweckt, die Toten der Uranabbauregionen sterben leise und unbemerkt. Wir sind um unsere Sicherheit besorgt. Doch unsere Verantwortung gegenüber Menschen, die wir nicht kennen, aber die für uns leiden, sollte uns zwingen, diesen verhängnisvollen Weg für immer zu verlassen.